3.9 min readPublished On: 14. September 2021By Categories: Bücher, Wissen

Was machst Du, wenn Dein Kind sein Lieblingskuscheltier verliert?

Wir haben Quaki verloren und brauchen Hilfe.

Hast Du schon einmal erlebt, was passiert, wenn ein Kind sein Lieblingskuscheltier verliert? Mir begegnen auf Twitter immer mal wieder die verzweifelten Posts von Eltern, die versuchen, ein verlorenes Kuscheltier oder dafür einen 1-zu-1-Ersatz zu finden, weil Ihr Kind der festen Überzeugung ist, dass es ohne das Kuscheltier nicht leben kann. Bis jetzt habe ich solche Posts immer geteilt und den Eltern die Daumen gedrückt, dass die Suche erfolgreich ist. Doch was können Eltern tun, wenn sie es nicht ist? Zu meiner großen Freude bin ich bei

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über eine kleine Geschichte gestolpert, die Eltern in dieser Situation möglicherweise eine Hilfe ist. (Unser Autor hat diese Geschichte bei Hans-Gerd Koch: Als Kafka mir entgegenkam…, Verlag Wagenbach 1995, gefunden.)

Meine Puppe ist weg

Oh, ich bin ein Insekt.

Die blühende Fantasie Franz Kafkas hat den Schriftsteller so berühmt gemacht, dass seine Werke bis zum heutigen Tag gelesen werden. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich seine Kurzgeschichte „Die Verwandlung“ verschlungen habe, obwohl es darin um einen Mann geht, der eines Tages aufwacht und ein Insekt ist.

Eines Tages läuft Kafka durch einen Park in Berlin und trifft auf ein weinendes Mädchen. Auf die Frage, was passiert sei, berichtete die Kleine, dass sie ihre Puppe verloren habe. Zum großen Erstaunen des Mädchens erklärt Kafka, dass es der Puppe gut gehe. Erstaunt blick die Kleine den fremden Mann an. Kafka lässt sich nicht beirren und verspricht der Kleinen, ihr einen Brief der Puppe zu zeigen, wenn sie am nächsten Tag zur selben Zeit wieder im Park sei. Die Kleine ist so neugierig, dass sie sich auf den Vorschlag einlässt.

Ich bin auf Abenteuerreise

Lieblingskind, ich bin los, weil ich die Welt sehen möchte. Ich schreibe Dir jeden Tag.

Kafka eilt nach Hause und schreibt im Namen der Puppe den Brief. Am nächsten Tag liest das kleine Mädchen den Brief ihrer Puppe. In diesem steht, dass es der Puppe langweilig geworden sei und dass sie deshalb beschlossen habe, die Welt zu entdecken. Weil die Puppe das kleine Mädchen sehr mag, verspricht sie der Keinen in ihrem Brief, ihr jeden Tag zu schreiben.

Die Kleine glaubt die Geschichte, und so startet eine Zeit, in der sich Kafka und das kleine Mädchen jeden Tag im Park treffen, um den neuesten Brief der Puppe zu lesen. Jeden Tag erlebt das Kind die Abenteuer der Puppe und erfreut sich an den Geschichten.

Doch Kafka ist ein berühmter Schriftsteller und kann nicht sein Leben lang jeden Tag mit einem Brief im Park erscheinen. Also beschließt er, der Geschichte ein Happy End zu verpassen. Der letzte Brief, den er dem Mädchen überreicht, ist ein Abschiedsbrief. In diesem schreibt die Puppe von ihrem Entschluss zu heiraten und ein normales Leben zu beginnen. Als das Mädchen diesen Brief liest, freut es sich mit der Puppe über das gefundene Glück. Das Gefühl, die Puppe verloren zu haben, ist dank der vielen Briefe längst verschwunden.

Fazit

Das funktioniert bestimmt großartig.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich liebe diese Geschichte und kann mir gut vorstellen, dass das ein oder andere verzweifelte Elternteil mit solchen Briefen die Trauer des eigenen Kindes lindern kann. Natürlich sind nur wenige Mütter und Väter begabte Schriftsteller. Sie können also solche Briefe nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Daher sind hier zwei Ideen für Briefinhalte:

  1. Schnapp Dir z. B. ein Buch wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn von Mark Twain, das Abenteuer auf Tagesbasis enthält und verwandle diese Tagesgeschichten in einzelne Briefe.
  2. Kauf ein neues Kuscheltier und verfasse einen Brief, in dem das verlorene Kuscheltier von einem Notfall in der Familie (oder etwas Ähnlichem, das zum Kuscheltier passt) berichtet. Aufgrund des Notfalls hätte das Kuscheltier leider ohne Abschied gehen müssen, hätte jedoch die Zeit, seinem besten Freund (dem neuen Kuscheltier) von dem Kind zu berichten. Und dieser Freund hätte versprochen, die Stelle des alten Kuscheltiers einzunehmen.

Ich hoffe, dass diese kleine Anekdote von Kafka in der Lage ist, dem ein oder anderen Kind den Schmerz zu nehmen und freue mich schon sehr auf Erfolgsberichte von Eltern.