5.1 min readPublished On: 5. Mai 2022By Categories: Bücher, Wissen

Was passiert, wenn Obdachlosen eine kostenlose Wohnung gegeben wird?

Ich bin sehr gespannt, wie die Geschichte weiter geht.

Ich liebe ältere Sachbücher, weil sie mir die Möglichkeit geben herauszufinden, wie die Geschichten, die die Autoren dort erzählen, in der Folgezeit weiter gehen. Eine dieser Geschichten handelt von einem Programm für Obdachlose in der Stadt Denver. Ich habe sie bei

Malcolm Gladwell: Was der Hund sah: und andere Abenteuer aus der Welt, in der wir leben

gelesen. Ich brenne darauf herauszufinden, wie die Geschichte sich inzwischen entwickelt hat. Doch bevor ich mit der Recherche beginne, halte ich erst einmal den Stand der Geschichte aus dem Jahr 2009 fest.

Was unser Autor berichtet

Wir schreiben das Jahr 2009. Die Stadt Denver hat gerade ein Programm für Obdachlose gestartet, in dem vorgesehen ist, dass Obdachlose eine kostenlose Wohnung bekommen und von einem Sozialarbeiter intensiv betreut werden. Diese intensive Betreuung soll dadurch ermöglicht werden, dass ein Sozialarbeiter lediglich 10 Menschen betreuen muss.

Wenn Du eine Wohnung möchtest, bekommst Du eine Wohnung.

Der Aufnahmeprozess für das Programm ist denkbar einfach. Ein Obdachloser wird gefragt, ob er eine kostenlose Wohnung haben möchte. Sagt er ja, bekommt er diese. Nun, dieser Plan funktionierte nicht ganz. Da das Programm über begrenzte finanzielle Mittel verfügt, bekamen lediglich 106 der 706 Obdachlosen, die diese Frage mit Ja beantwortet hatten, eine Wohnung. Die 1-Zimmer-Wohnung, von denen sich viele im YMCA-Gebäude der Stadt befanden, waren nicht luxuriös, aber sie waren sauber und sie boten ein Dach über dem Kopf.

Das Programm kümmerte sich um die Härtefälle, also um Obdachlose, die am längsten auf der Straße gelebt hatten, und um solche, die Straftaten begangen hatten, Drogen nahmen, oder geistig behindert waren. Die 600 Obdachlosen, die keine Wohnung bekommen hatten, standen weiterhin auf einer Warteliste. Sie sollten eine Wohnung bekommen, sobald es der Stadt gelungen war, ihren Plan umzusetzen, das Programm auf 981 Plätze aufzustocken. Sollte es der Stadt gelingen, dieses Ziel zu erreichen, dann wäre es ein großartiger Erfolg, da inzwischen nicht zuletzt aufgrund des für die Region angenehmen Klimas in Denver, ca. 1.000 Obdachlose in der Stadt lebten.

Das Spannende an diesem Programm ist, dass es für die Stadt kostengünstiger gewesen wäre, einen Obdachlosen mit einer Wohnung zu versorgen und von einem Sozialarbeiter betreuen zu lassen, als ihn auf der Straße leben zu lassen. Ein Platz in diesem Programm kostete die Stadt ca. 15.000 $ im Jahr. Das war ein Drittel der Kosten, die ein Obdachloser außerhalb des Programmes durch Krankenhausaufenthalte, Polizeieinsätze und Gefängnisaufenthalte verursachte.

Ziel des Programmes war es allerdings nicht, die Obdachlosen für den Rest ihres Lebens mit einer von der Stadt bezahlten Wohnungen zu versorgen. Die Sozialarbeiter arbeiteten daran, ihre Klienten wieder in das normale Leben zu integrieren, so dass sie Arbeit finden, sich ein eigenes Leben aufbauen und in der Lage sein würden, sich selbst zu versorgen und eine eigene Wohnung zu finanzieren.

Wie die Geschichte weiterging

Keine genaue Quelle = keine erfolgreicher Recherche

Naiv wie ich bin, dachte ich, dass die Recherche zum weiteren Verlauf der Geschichte ein Kinderspiel sein würde. Doch leider enthielt der Bericht unseres Autors weder den exakten Namen des Programms in Denver noch Fußnoten mit Quellenangaben.

Leider konnte ich im Internet keine Quelle finden, die die Geschichte unseres Autors weitererzählen. Was ich gefunden habe sind Berichte über eine Housing First Kampagne, die 2016 begann und ebenfalls darauf beruhte, dass Obdachlose Wohnungen bekamen. Diese Kampagne wurde nach 5 Jahren ausgewertet und kam zu dem Schluss, dass sie Wohnungen für Obdachlose einen positiven Einfluss auf die Gefängnisrate haben. Also anders ausgedrückt: Menschen, die im Rahmen dieses Programmes eine Wohnung erhalten haben, verbrachten weniger Zeit im Gefängnis.

Obdachlosenpolitik: Wirtschaft vs. Moral

Unser Autor spricht in seinem Buch einen wichtigen Aspekt der Obdachlosenpolitik an. Die Stadt Denver hat ein wirtschaftliches Interesse an diesem Programm. Ein Obdachloser in einer betreuten Wohnung ist für sie schlicht kostengünstiger als ein Obdachloser auf der Straße. Wirtschaftlich ist das Programm daher sinnvoll.

Moralisch gesehen gibt es allerdings einige Probleme mit solchen Programmen. Zum einen kann eine ungewollte Abhängigkeit entstehen, bei der der Obdachlose sich aus der Verantwortung für sein Leben zieht und der Stadt diese übergibt.

Das ist nicht fair.

Zum anderen ist es für Menschen, die wenig Geld verdienen, mit diesem ihren Lebensunterhalt bestreiten und kaum über die Runden kommen, schwer zu verstehen, warum sie voll arbeiten und am Ende weniger haben, als jemand, der das nicht tut. Sie sind brave anständige Bürger und bekommen keine staatliche Hilfe, während Menschen, die im krassesten Fall Drogen nehmen und randalieren, eine kostenlose Wohnung gestellt bekommen.

Das dritte moralische Problem liegt darin, dass dieses Obdachlosen-Programm mit dem Prinzip, gleiches Recht für alle, bricht. Nach diesem Prinzip könnte das knappe Geld, mit dem wenige Obdachlose betreut werden, genommen werden, um alle Obdachlosen mit Angeboten wie Suppenküchen und Notunterkünften zu versorgen. Das wäre gerechter, doch es würde mit einer viel geringeren Wahrscheinlichkeit dafür sorgen, dass Obdachlose ihren Weg in das normale soziale Leben zurückfinden.

Fazit

Ich bin etwas enttäuscht, dass ich nicht herausgefunden habe, wie die Geschichte unseres Autors endet. Auf der anderen Seite bin ich bei meiner Recherche vielen Städten begegnet, die zeigen, dass Denver nicht die einzige Stadt auf der Welt ist, die aktiv nach einer Lösung für ihre Obdachlosen sucht. Die Überschriften, die mir in den Ergebnissen der Suchmaschine begegneten, hatten nicht selten einen positiven Unterton. Also, wer weiß, vielleicht gehören Obdachlose ja bald der Vergangenheit an.

Da das Internet keine Einbahnstraße ist, setze ich an dieser Stelle auf die Macht von Twitter. Vielleicht hilft mir dieser Tweet, in dem ich unseren Autor nach weitern Quellen zur Geschichte frage, dabei herauszufinden, wie die Geschichte endete. Sobald ich hier mehr weiß, bekommt dieser Beitrag ein entsprechendes Update, versprochen.