5.2 min readPublished On: 2. August 2021By Categories: Bücher, Wissen

Weißt Du was Babel ist?

War der Turm ein Leuchtturm?

Der Turmbau zu Babel und Babbel, die Sprach-Lern-App, überall und ständig begegnet mir der Begriff Babel, und dennoch habe ich keine wirkliche Ahnung, was es mit ihm auf sich hat.

Zum Glück bin ich in

Gaston Dorren: In 20 Sprachen um die Welt. Die größten Sprachen und was sie so besonders macht, 

über folgenden Absatz gestolpert:

„Die Menge der in der heutigen Welt gesprochenen und geschriebenen Sprachen wird gemeinhin auf 6000 geschätzt. Das ist durchschnittlich eine Sprache für 1,25 Millionen Menschen. Eine erstaunliche Vielfalt – in welch einem Babel Leben wir!“ S. 9.

Damit habe ich nun endlich die Gelegenheit herauszufinden, warum der Begriff Babel so oft im Zusammenhang mit Sprachen auftaucht.

Was das Lexikon sagt

Spannenderweise gibt er zu unserem heutigen Begriff gleich zwei Einträge in unserem Lexikon:

Babel, das; -s, – [hebr. Bavel für griech. Babylon <babyl. bɑ̃bilɑ̃ni = Pforte der Götter Klammer] (selten): 1. Ort des Lasters, der Verworfenheit; Sündenbabel. 2. Stadt mit einem Gemischt von Völkern u. Gewirr von Sprachen: New York ist ein B.

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 17, S. 270.

 

Babel: ­Babylon.

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 17, S. 270.

Babylon war ein Ort des Lasters.

Der erste Eintrag in unserem Lexikon erklärt, warum der Begriff Babel so oft in Verbindung mit Sprachen erwähnt wird. Babel bzw. Babylon war eine Stadt mit vielen Völkern und Sprachen. Spannend ist, dass sie auch als Ort des Lasters galt. Meine spontane Erklärung dafür ist, dass in dieser Stadt unterschiedliche Kulturen aufeinandertrafen und Menschen hier Dinge erlebten, die in ihrer eigenen Kultur unüblich waren, und die sie als lasterhaft empfanden.

Was mich an dieser Stelle noch mehr freut ist die Erkenntnis, dass Babel und Babylon ein und die gleiche Stadt sind. Der Turmbau zu Babel, den ich vorhin erwähnt habe, begegnet mir beim genaueren darüber nachdenken viel häufiger als Turmbau zu Babylon und mit etwas Glück verrät uns unser Lexikon im Babylon-Eintrag was es mit diesem legendären Turm auf sich hat.

Babylon: Ruinenstadt am Euphrat.

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 17, S. 271.

Das ist nicht ganz die erwartete Antwort, doch zumindest wissen wir jetzt, dass Babylon im heutigen Irak lag, denn der Euphrat ist ein Fluss im Irak. Die Antwort, die wir suchen, befindet sich im folgenden Lexikon-Eintrag:

Babylonischer Turm, Turm zu Babel, an den sich die bibl. Erzählung von der ­babylonischen Sprachverwirrung (1. Mos. 11) knüpft; hinter dieser Legende steht sicher der histor. Tempelturm (Zikkurat) Etemenanki des Mardukheiligtums in Babylon mit seinen gewaltigen Ausmaßen (quadrat. Grundriss mit 91,5 m Seitenlänge, etwa gleiche Höhe).

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 1, S. 519.

Ich dachte es sei eine Bibliothek.

Wow, bis zum heutigen Tag vermutete ich, dass der Turm so etwas wie eine Bibliothek sein müsste, in der sich Bücher in vielen Sprachen befanden. Ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass dieser Turm ein Tempel gewesen sein könnte.

Lass uns an dieser Stelle noch ein letztes Mal zum Lexikon greifen und herausfinden, welches Wissen uns im Eintrag babylonische Sprachverwirrung erwartet.

babylonische Sprachverwirrung, im A. T. (1. Mos. 11) die Erklärung der Vielfalt der Sprachen. Die ätiolog. Sage berichtet, wie der Weiterbau des Turms zu Babel durch Gott verhindert wurde, indem er die Menschen wegen ihres Hochmuts, den ­babylonischen Turm bis in den Himmel zu bauen, in unterschiedl. Sprachen sprechen ließ, sodass sie sich nicht mehr verständigen konnten. – Übertragen: verwirrende Vielfalt von Sprachen, die an einem Ort zu hören sind, gesprochen werden (babylon. Sprachengewirr). Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 1, S. 520.

Spannend, Gott verhinderte den Turmbau zu Babel also nicht, weil die Menschen eine andere Religion hatten, sondern weil sie so hochmütig waren, einen Turm in den Himmel zu bauen. Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber in meinen Ohren klingt das gerade so (obwohl ich keine Ahnung von Religion habe), als ob Gott im Himmel lieber ungestört bleiben wollte und keine Lust auf eine Wohngemeinschaft hatte.

Fazit

Meine Freude darüber, die Begriffe Babel und Babylon für mich endlich mit Wissen gefüllt zu haben, lässt sich kaum in Worte fassen. Die Geschichte, die ich mir über die Jahre zusammengereimt hatte, ging in eine ganz andere Richtung. In meinem Kopf war der Turm immer eine gigantische Bibliothek, und ich träumte insgeheim davon, irgendwann eine Zeitreise zu machen, um diese Bibliothek besuchen zu können. Von dieser Geschichte verabschiede ich mich nun mit etwas Wehmut, denn sie ist mir über die Jahre doch sehr ans Herz gewachsen. Tröstend an dieser Stelle ist, dass meiner alten Geschichte eine neue (dieses Mal eine biblische) Geschichte folgt.

Was mich an der Geschichte über den Turmbau aus der Bibel fasziniert ist ihre Vieldeutigkeit, die meine Gedanken gerade ziemlich wirr tanzen lässt. Lass uns an dieser Stelle zum Satz unseres Autors zurückkehren:

„Eine erstaunliche Vielfalt – in welch einem Babel leben wir!“

Aus all den Definitionen, die uns heute begegnet sind, passt in meinen Augen diese am besten zum Satz unseres Autors:

„Stadt mit einem Gemisch von Völkern u. Gewirr von Sprachen“

Unser Autor bezieht sich in seinem Satz auf die ganze Welt, nicht auf eine Stadt. In meinen Augen ist das sehr passend, da ich schon lange das Gefühl habe, dass die Welt Dank Internet und Co. sich näher gekommen ist. Brauchte zu Zeiten Babels eine Nachricht noch Tage oder Wochen, um in eine andere Stadt zu kommen, reisen Nachrichten heute binnen Sekunden um die Welt. Die Grenzen, die dafür gesorgt haben, dass sich Sprachen unabhängig voneinander entwickeln konnten, verschwinden immer mehr. Fast über Nacht kann die ganze Welt miteinander kommunizieren und selbst Sprachbarrieren verschwinden dank Übersetzungsprogrammen, die auf Künstlicher Intelligenz basieren, immer mehr.

Also ja, die Welt ist auch in meiner Wahrnehmung ein Babel, und wir haben die großartige Chance, die Barrieren, die uns trennen, endlich niederzureißen und Dinge zu erschaffen die uns, die Menschen dieser Welt, einen.