4,8 min readPublished On: 24. Februar 2022By Tags: , , , Categories: Bücher, Wissen

Weißt Du, was eine Nemesis ist?

Bin ich eine Nemesis?

Mir ist der Begriff schon einige Male begegnet, und dennoch habe ich keine Ahnung, was genau er bedeutet. Zu meinem Leidwesen taucht er in dem Buch von

Jack London: Martin Eden

in einem Kapitel über Sozialismus auf, dem ich gedanklich nicht folgen kann.  In diesem Kapitel tauchen z. B. folgende Konzepte und Namen auf:

  • Gesetz der Entwicklung
  • Herbert Spencer
  • Thomas Robert Malthus.

Und die in diesem Kapitel dargestellten Diskussionen basieren darauf und sagen mir nichts, vielleicht auch deshalb, weil mir schon im Studium die Muße gefehlt hat, mich freiwillig mit veralteten politischen und ökonomischen Theorien zu beschäftigen.

Was ich bei der Lektüre des Kapitels verstehe, ist, dass sich Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten darüber streiten, wie die Gesellschaft funktioniert bzw. funktionieren sollte. An einer Stelle sagt Martin Eden, der Hauptdarsteller in unserem Buch, seinem Gesprächspartner von der „Gegenseite“ voraus, dass seine Argumentation die Nemesis seiner Philosophie sei. Und nun werden wir dank unseres Lexikons herausfinden, was genau er damit meint.

Was das Lexikon sagt

Wow, gleich zwei Einträge.

Großartiger Weise hält unser Lexikon auch heute wieder passende Beiträge für uns bereit:

Nemesis [grch. >>Unwille<<], grch. Mythos: Göttin, Wahrerin des rechten Maßes, Rächerin des Frevels. Ihre Attribute sind Elle, Steuerruder und Greif. Der N.-Kult war auch bei den Römern verbreitet.

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 10, S. 289.

Nemesis [auch: ‘nE…], die; – [griech. Némesis = Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit, personifiziert aus: némesis = Unwille, eigtl. = das (rechte) Zuteilen] (bildungsspr.): ausgleichende, vergeltenden, strafende Gerechtigkeit.

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 18, S. 1639.

Folgen wir der Erläuterung unseres Lexikons, dann stellt Martin Eden fest, dass in der Philosophie der Gegenseite eine strafende Gerechtigkeit existiere und prophezeit seinem Gesprächspartner, dass dessen Philosophie deshalb zum Untergang der angestrebten Gesellschaftsordnung führen werde.

Was mich an dieser Stelle aber noch mehr interessiert als Martins philosophischer Streit, ist die Frage, was es genau mit dieser griechischen Göttin auf sich hat. Mal schauen, ob uns das Internet diese Frage beantworten kann.

Was das Internet sagt

Die Geschichte der Göttin habe ich nicht gefunden.

Ich hatte die Hoffnung, dass das Internet uns die ursprüngliche Geschichte über Nemesis schenken würde. Doch leider bin ich nicht fündig geworden. Alles was ich erfahren habe, ist, dass Nemesis oft und in unterschiedlicher Weise in antiken Schriften auftaucht. Manchmal als Göttin, manchmal als Begriff. Laut meiner Recherche gibt es auch nicht die eine Geschichte über die Göttin, sondern gleich mehrere. Die häufigste Version, die mir begegnet ist, lautet, dass Zeus, der alte Haudegen, mal wieder Interesse an einer Frau, nämlich Nemesis, hatte, die jedoch kein Interesse an ihm hatte. Nemesis floh vor Zeus und verwandelte sich in eine Ente oder Gans. Also verwandelte sich Zeus in einen Schwan, und einige Zeit später kam ihre gemeinsame Tochter Helena zur Welt.

Fazit

Als ich klein war, dachte ich, als Erwachsener würde ich ein Buch wie das von Jack London in die Hand nehmen und alle Anspielungen darin verstehen. Diese Vorstellung fand ich unglaublich beruhigend. Inzwischen weiß ich, dass es kaum ein Buch gibt, das ich in Gänze verstehe. Doch inzwischen gibt mir dieses Wissen glücklicherweise nicht mehr das Gefühl, dumm zu sein. Ganz im Gegenteil bereitet es mir Freude zu wissen, dass ich nie ausgelernt haben werde.

Aber warum ist sie die Rachegöttin?

So geht es mir auch mit unserem heutigen Beitrag. Ich stehe vor dem Rätsel einer philosophischen Diskussion und habe nicht herausgefunden, was genau Nemesis zur Rachegöttin macht. Das nervt mich im Moment schon ein wenig, da ich weiß, dass ich die Antworten da draußen irgendwo finden kann. Und tief in mir weiß ich auch, dass die Chancen gar nicht schlecht stehen, dass ich beides irgendwann verstehen werde. Und dieses Wissen (auch wenn es ungewiss ist) beruhigt mich sehr.

UPDATE: Zu meiner großen Freude kenne ich Menschen, die sich in der griechischen und römischen Mythologie und in der Literatur besser auskennen als ich. Einer dieser Menschen hat mit den folgenden Worten die Frage beantwortet, warum Nemesis als Rachegöttin bekannt ist:

„Nemesis wird – wie so viele Wörter aus der griechischen und römischen Mythologie – mit vielen unterschiedlichen Bedeutungen benutzt. In der Literatur der letzten 100 Jahre kann man häufig den Satz lesen: Du bist meine Nemesis. Und das meint: Du bist mein Untergang, dem ich nicht entgehen kann. Weniger dramatisch kann es auch bedeuten: Du bist mein Schicksal. – Und so ist auch die Passage bei Jack London gemeint: Deine Philosophie ist dem Untergang geweiht, und deshalb kann auch die von Dir erträumte Gesellschaft nicht wirklich existieren und überleben, sie ist zum Untergang/zum Scheitern verdammt.

Der Hintergrund ist die Geschichte der Göttin Nemesis, der über die Jahrhunderte auch sehr verschiedene Dinge angedichtet wurden. Sie war ursprünglich vor allem die Göttin, die für ausgleichende Gerechtigkeit sorgte, für Beachtung der guten Sitten (deshalb wollte sie auch nichts mit Zeus zu tun haben) und für die Wahrung der Achtung vor den Göttern. In ihrer wichtigsten Rolle als Göttin zur Wahrung der ausgleichenden Gerechtigkeit stand sie für das Prinzip: Du bekommst, was Du verdienst, das, was Dir zusteht – im Guten, wie im Bösen. Wer sich also zu sehr in den Vordergrund spielt, an Selbstüberschätzung leidet, der wird ein paar Nummern kleiner gemacht. In diesem Sinne ist die Göttin Nemesis also auch eine strafende Göttin, in diesem Sinne auch eine Rache-Göttin.“