Weißt Du was Phänomenologie ist?

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Bei Lesen eines Buches freue ich mich immer über Sätze wie den Folgenden:

„Berne sag, dass >>[…] keine bloßen Begriffe sind, wie Über-Ich, Ich und Es… sondern phänomenologische Realitäten.“

Thomas A. Harris: Ich bin o.k. – Du bist o.k.. Wie wir uns selbst besser verstehen und unsere Einstellung zu anderen verändern können – Eine Einführung in die Transaktionsanalyse,  S. 35.
Juhu, ich weiß wer Freud ist.

Beim ersten Lesen des Satzes freue ich mich noch darüber, dass mein braves Hirn mir zuflüstert: „Oh schau mal er schreibt über Sigmund Freud. Du weißt schon, dass ist die alte Socke, die mit der Erfindung des Über-Ich, Ich und Es der Psychoanalyse den Weg bereitet hat.“ Doch dann stelle ich fest, dass ich den Satz nicht verstanden habe. Also lese ich ihn noch einmal. Und noch einmal. Und dann atme ich tief durch, nehme mir zwei Klebezettel, markiere den Begriff phänomenologische und die Seite und lese in dem wohligen Gewissen weiter, dass ich bald hier sitze und gemeinsam mit Dir herausfinden werde, was uns der Autor mit diesem Satz eigentlich sagen wollte.

Und heute ist der Tag an dem wir herausfinden, was phänomenologische, bzw. Phänomenologie ist. Bereit? Los geht es:

Wilde Bedeutungsspekulation

Schon beim ersten Abtippen des Wortes phänomenologische sind mir die in diesem Wort verborgenen Begriffe

  • Phänomen und
  • logisch
Warum tut ins Auge springen eigentlich nicht weh?

ins Auge gesprungen. Könnte es also sein, dass es sich bei „phänomenologische“ um logische Phänomene handelt? Ich weiß es nicht, denn grade wird mir bewusst, dass ich gar nicht so recht weiß, was ein Phänomen eigentlich ist. Sind Phänomene nicht Dinge, die uns faszinieren, weil wir sie (noch) nicht verstehen? Wenn dem so ist, ist die Bedeutungsspekulation eines logischen Phänomens natürlich Quatsch, schließlich kann etwas, was wir nicht verstehen können nicht logisch sein.

Zum Glück verbirgt sich der Mitte von phänomenologische noch ein „o“, dass wir bisher einfach ignoriert hatten. Schenken wir nun diesem „o“ ein „der“ erhalten wir „oder“. Nun können wir phänomenologische wie folgt aufschlüsseln:

Phänomen, oder logisch?
  • Phänomen
  • oder
  • logisch

Phänomenologische ist also kein Begriff, sondern die Frage „Phänomen oder logisch?“. Ob wir mit dieser wilden Bedeutungsspekulation auch nur in der Nähe der Wahrheit gelandet sind, wird uns hoffentlich gleich unser Lexikon verraten. Zuvor tippe ich bei der Herkunft des Begriffes aber noch auf Griechisch, denn es waren doch die griechischen Philosophen, die uns das logische Wissen geschenkt haben, oder?

Was das Lexikon sagt

Ich kann mein Glück gar nicht fassen, heute hält unser wunderbares Lexikon gleich zwei Einträge für uns bereit. Um Dir und mir Zeit zu sparen, tippe ich nur den kürzeren von beiden ab:

Phänomenologie, die; [­-logie] (Philos.): 1. (bei Hegel) Wissenschaft, Lehre, die die dialektisch sich entwickelnden Erscheinungsformen des [absoluten] Geistes in eine gestufte Ordnung bringt, die die historisch dialektische Entwicklung des menschlichen Bewusstseins vertritt. 2. (bei Husserl) Wissenschaft, Lehre, die von der geistigen Anschauung des Wesens der Gegenstände od. Sachverhalte ausgeht, die die geistig-intuitive Wesensschau (anstelle rationaler Erkenntnis) vertritt.

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 18, S. 1750.

Alles klar, bei unserer Bedeutungsspekulation, lagen wir zumindest mit der griechischen Herkunft richtig.

Ich mag Schokolade.

Geht es nur mir so, oder trägt dieser Lexikoneintrag ehr zur Verschleierung der Bedeutung, als zu ihrer Aufklärung bei? Hegel gehört zu den Philosophen, von denen ich noch nichts gelesen habe… Wer ist dieser Husserl? Stellt Husserl nicht eigentlich Schokolade her? Was bitte bedeutet dialektisch? Vermutlich nicht, dass Hegel einen Dialekt hatte und Sächsisch gesprochen hat, oder? Hoffentlich kommen wir auch ohne die Beantwortung all dieser Fragen weiter. Werfen wir mal einen Blick auf den ersten Punkt unseres Lexikon Eintrages.

Was auch immer grade geschehen ist, aber beim 4.ten Lesen des Lexikon Eintrages hat sich mir seine Bedeutung erschlossen.

Bitte auf die Umwelt achten.
  1. Hegel ist ein Philosoph, der sich offensichtlich mit dem menschlichen Geist beschäftigt hat.
  2. Sigmund Freud hat den Geist mit der Einteilung Über-Ich, Ich und Es in eine Ordnung gebracht, die stufenweise aufeinander aufbaut. Ein Baby kennt nur das Es. Das Es sind unsere Triebe, die uns am Leben halten. Das Kind erkennt in seiner Entwicklung irgendwann, sein ich und versteht, dass es einen eignen Willen hat. Das Über-Ich entwickelt sich kurz nach dem Ich und sorgt dafür, dass wir nicht nur an uns, sondern auch an unsere Umwelt denken. (Auf diese Kurzfassung gebe ich kein Gewähr, sie stammt aus meinem Gedächtnis.)
  3. Da jeder von uns erst Baby, dann Kind, dann Erwachsener ist, haben wir es mit keiner historischen Entwicklung zu tun. Daher ist Sigmund Freuds Ansatz mit dem Es, Ich und Über-Ich nicht phänomologisch, sondern nur stufig.
Stufenweise Entwicklung

Oder die einfach Erklärung: Die Phänomologie nach Hegel ist eine Wissenschaft, die besagt, dass sich der menschliche Geist in Stufen entwickelt. Die Stufen entwickeln sich nacheinander und haben Parallelen zur Entwicklung der menschlichen Spezies. Die erste Stufe ist das Babystadium. Ein Baby hat nur Urinstinkte, die es am Leben halten, indem sie zum Beispiel dafür sorgen, dass es schreit wenn es Hunger hat. Der frühe Mensch verfügte nur über diese Urinstinkte, die ihn dazu zwangen etwas zu tun, wenn er Hunger hatte. Nach wenigen Monaten verlässt das Baby diese menschliche Entwicklungsstufe und wird zum Kind, genauso wie der Mensch irgendwann erkannte, dass er mehr kann als nur Essen wenn er Hunger hat.

Fazit

Juhu, wir wissen was Phänomenologie ist. Ich hab nicht den Hauch einer Ahnung was wir mit diesem Wissen jetzt anfangen können, bin aber zuversichtlich, dass wir es irgendwann rausfinden werden.