3.5 min readPublished On: 16. August 2021By Categories: Bücher, Wissen

Weißt Du was phlegmatisch bedeutet?

Dieser Begriff ist mir schon so oft begegnet, und ich kann kaum glauben, dass ich mir noch nie die Mühe gemacht habe herauszufinden, was es mit diesem Begriff auf sich hat. Zum Glück bin ich in

Jack London: Abenteuer des Schienenstranges

Bin ich phlegmatisch?

über den folgenden großartigen Satz gestolpert:

„Er war ein großer, breitschultriger und muskulöser Mann, und sein Gesicht war schlaff, phlegmatisch, träge, nicht unfreundlich, aber ohne Leidenschaft und ganz ohne Intelligenz; eine Seele, die in der Finsternis tappte, nicht schlecht, doch bar aller Moral und dumpf und starrsinnig wie die eines Büffels.“

S.68

Dieser Satz beschreibt einen Mann so detailliert, dass die Fantasie des Lesers dazu beflügelt wird, sich diesen Mann vorzustellen. Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber meiner Fantasie steht an dieser Stelle meine Unwissenheit in Bezug auf unseren Begriff etwas im Weg, und daher freue ich mich nun sehr darauf zu erfahren, was es mit unserem heutigen Wort auf sich hat.

Was das Lexikon sagt

Zu meiner großen Freude hält unser Lexikon auch heute einen passenden Eintrag für uns bereit:

Phlegmatisch <Adj.> [spätlat. phlegmaticus <griech. phlegmatikós = dickflüssig, an zähflüssigem Schleim leidend]: [aufgrund der Veranlagung] nur schwer zu erregen u. kaum zu irgendwelchen Aktivitäten zu bewegen; träge, schwerfällig: ein -er Mensch.

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 18, S. 1752 f.

Ich bin nicht Slimer.

Beim ersten Lesen des Eintrages hatte ich plötzlich Slimer, den kleinen gefräßigen und aus grünem Glibber bestehenden Geist aus Ghostbusters vor Augen. Doch dann wurde mir bewusst, dass Ghostbusters noch gar nicht existierten, als unser heutiger Autor sein Buch schrieb. Und daher bat ich meine Fantasie, einen erneuten Anlauf zu starten.

Beim erneuten Durchlesen des Eintrages reimte sich meine Fantasie dann eine neue Geschichte zusammen, die besser zum Satz unseres Autors passt: Lange Zeit ging die Medizin davon aus, dass die Säfte in unserem Körper für unseren Zustand verantwortlich sind. Daher griff man lange Zeit zum Aderlass, wenn es einem Menschen schlecht ging. Bei diesem Verfahren wurde das „schlecht gewordene“ Blut aus dem Körper geleitet und so Platz für gesundes Blut geschaffen.

Der „zähflüssige Schleim“ aus unserem Lexikon erinnert mich an diese veraltete Idee der Medizin. Möglicherweise glaubten die Menschen damals, dass träge Menschen träge seien, weil ihre Körperflüssigkeiten so zähflüssig waren, dass sie die Geschwindigkeit der Menschen massiv verlangsamten.

Unser Autor schreibt, dass der Mann ein phlegmatisches Gesicht hatte. Mit dem Lexikoneintrag im Hinterkopf vermute ich, dass es uns damit sagen möchte, dass der beschriebene Mann kaum Emotionen zeigte und nur schwer zum Lachen oder Weinen gebracht werden konnte.

Phlegma, Phlegmatiker und Phlegmone

Ich schwöre.

Unser Lexikon hält neben unserem heutigen Begriff auch noch Erklärungen zu den Begriffen Phlegma, Phlegmatiker und Phlegmone bereit. In diesen Einträgen verrät uns das Lexikon, dass der altgriechische Arzt Hippokrates (auf dessen Eid bis zum heutigen Tag die Ärzte schwören) eine auf Körperflüssigkeiten beruhende Typenlehre für Menschen verfasste, in der laut unserem großartigen Internet die folgenden Typen auftauchten:

  • Phlegmatiker – Schleim
  • Sanguiniker – Blut
  • Melancholiker – schwarze Galle
  • Choleriker – gelbe Galle.

Der Phlegmatiker ist in den Augen von Hippokrates also träge, weil Schleim träge ist. Der Sanguiniker dagegen ist lebensfroh und optimistisch, weil Blut schnellfließend und lebendig ist. Von Galle habe ich keine Ahnung, (bis heute wusste ich nicht mal, dass diese unterschiedliche Farben hat), daher kann ich bei den folgenden zwei Typen nur spekulieren. Dass der Melancholiker alles in düsterem Licht sieht, liegt darin, dass die Galle düster ist. Und die Bitterkeit des Cholerikers ist dem bitteren Geschmack der gelben Gallen zu verdanken.

Fazit

Bis heute hatte ich das Gefühl, dass phlegmatisch eine Beleidigung ist, weil es mir gegenüber oft in einem nicht zwingend freundlichen Tonfall geäußert wurde. Nach unserer kleinen Recherche bin ich mir an dieser Stelle nicht mehr sicher, ob der Begriff so negativ ist, wie ich ihn bis heute immer wahrgenommen habe.