4 min readPublished On: 18. Mai 2021By Categories: Bücher, Wissen

Weißt Du wer Krethi und Plethi sind?

Kind, bei Dir schaut es schon wieder aus wie bei Hempels unter dem Sofa.

Krethi und Plethi sind Begriffe, die mir in meiner Jugend häufiger begegnet sind, wenn ich beim Essen Erwachsenengesprächen lauschte. Ich wusste nicht, wer die beiden sind, doch ich vermutete, dass sie mit den Hempels zu tun haben könnten, bei denen es – laut meiner Mutter – unter dem Sofa so aussah wie in meinem Kinderzimmer.

Bis heute weiß ich nicht, wer die Hempels, Krethi und Plethi sind, doch zum Glück wird sich das heute dank

Washington Irving: Diedrich Knickebockers humoristische Geschichte der Stadt New-York,

ändern.

Wilde Bedeutungsspekulation

Wenn ich mir Krethi und Plethi länger anschaue, scheint es mir so, als ob die Wortendung „thi“ keine Bedeutung hat, daher konzentrieren wir uns bei der Bedeutungsspekulation auf die vorderen Teile des Wortes „Kre“ und „Ple“.

Krethi könnte für Kreta stehen, oder?

Ple erinnert mich an die Plebejer, von denen ich erst seit Kurzem weiß, wer sie waren. Doch wer könnte mit Krethi gemeint sein? Vielleicht sind mit Krethi Menschen aus Kreta gemeint. Kreta ist eine Insel, und Krethi meint daher möglicherweise einfach Inselbewohner. Aus diesen beiden Vermutungen bastel ich nun folgende Spekulation:

Krethi und Plethi ist eine Beschreibung für einen ungehobelten (eine der Wortbedeutungen von Plebejer) und einsiedlerisch lebenden Menschen.

Ob diese wilde Bedeutungsspekulation etwas mit der wahren Bedeutung von Krethi und Plethi zu tun hat, wird uns nun unser Lexikon verraten.

Was das Lexikon sagt

Zu meiner großen Überraschung hält unser Lexikon auch heute einen Eintrag für uns bereit:

Krethi und Plethi <Pl., auch Sg.; o. Art.; o. Gen.> [nach der Lutherschen Übersetzung von 2. Sam. 8., 18 (u.a.) Bez. für die Kreter u. Philister in der Söldnertruppe des biblischen Königs David] (abwertend): Hinz und Kunz (­Hinz): K. u. P. waren/ (auch:) war da.

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 18, S. 1383.

Bevor wir uns diesen Eintrag im Detail anschauen, schlagen wir im Lexikon noch schnell Hinz und Philister nach:

Hinz: in den Verbindungen H. und Kunz (ugs. abwertend; alle möglichen Leute, jedermann; schon mhd., im Hinblick auf die Häufigkeit der m. Vorn. Hinz [niederd. Kurzf. von Heinrich] und Kunz [Kurzf. von Konrad]): bald wusste es H. und Kunz; von H. zu Kunz (ugs. abwertend; zu allen möglichen Leuten, überallhin): von H. zu Kunz laufen, um etw. zu bekommen.

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 18, S. 1117.

Philister, der; -s, – [griech. Philistieim < hebr. pelistim = Name eines nicht semitischen Volkes an der Küste Palästinas; In der Studentenspr. des 17. Jh. s übertr. von den im A. T. als schlimmsten Feinden des auserwählten Volkes Israel geschilderten Philistern auf die Stadtsoldaten u. Polizisten als den geschworenen Feinden der Studenten als den >>(geistig) Auserwählten<<): 1. (bildungsspr. abwertend) kleinbürgerlich-engstirniger Mensch; Spießbürger. 2 (Verbindungsw.) im Berufsleben stehen der Alter Herr. 3 (Verbindungsw.) Nichtakademiker.

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 18, S. 1752.

Puh, das ist viel Input, oder? Lass uns die Lexikon-Einträge nun Stück für Stück durchgehen und mit den Philistern beginnen.

Ich bin Konrad, aber Du kannst mich gern Kunz nennen.

Ich verstehe den Lexikon Eintrag wie folgt: Die Philister waren zu biblischen Zeiten ein nichtjüdisches Volk in Palästina. Die Studenten im 17. Jahrhundert schnappten sich das Alte Testament und erfuhren hier, dass einige Philister schlimme Feinde der Juden waren. Die Studenten begannen nun die Polizisten und Stadtsoldaten als Philister zu bezeichnen, um deutlich zu machen, dass diese ihre Feinde waren.

Zum Lexikon-Eintrag Hinz und Kunz habe ich keine Fragen und freue mich nun endlich zu wissen, dass Hinz für Heinz und Kunz für Konrad steht.

Ich habe keine Ahnung, was mit der lutherschen Übersetzung von 2. Sam. 8., 18 gemeint ist, doch ich habe das Gefühl, dass ich auch ohne dieses Wissen die Bedeutung von Krethi und Plethi auf den Grund gehen kann. König David hatte eine Söldnertruppe, in der es Krethi und Plethi gab. Krethi waren Krether, also Menschen aus Kreta. Plethi waren Philister. In König Davids Söldnertruppe waren also nicht nur Menschen aus aller Herren Länder, sondern sogar Menschen, die David nicht freundlich gesonnen waren, aber gegen Geld bereit waren, für ihn zu kämpfen.

Fazit

Ist es nicht erstaunlich, wieviel Wissen man braucht, um eine schnelle Floskel wie Krethi und Plethi wirklich zu begreifen? Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich habe die kleine Zeitreise von der Bibel über die Studenten im 17. Jahrhundert sehr genossen und freue mich auf den Tag an dem mir die Redewendungen Hinz und Kunz und Krethi und Plethi wieder begegnen.

Und nun bin ich wie immer neugierig: Wer ist Dir schon häufiger in Form einer Redewendung begegnet?