Weißt Du, woher der Begriff zaudern stammt?
Heute geht es um einen Begriff, der mir sehr vertraut ist. Ich bin mir sehr sicher, dass zaudern zögern bedeutet, doch ich habe keine Ahnung, woher der Begriff stammt. In dem Buch von

Lann Hornscheidt: Sprachgewalt erkennen und sprachhandelnd verändern
taucht unser heutiger Begriff in diesem Appell an die Menschen auf, die Lanns Buch lesen:
„Wir können versuchen, uns durch sprachliches Handeln auszudrücken – mit all unseren Unsicherheiten, Zweifeln und Ängsten, unserem Zaudern und Hadern -, miteinander ins Gespräch kommen, um uns zu verständigen.“
S. 21f.
Lass uns doch einmal schauen, ob unser Lexikon verraten kann, woher unser heutiger Begriff kommt.
Was das Lexikon sagt
Unser Lexikon kennt unseren heutigen Begriff und dessen Herkunft.
zau|dern <sw. V.; hat> [Iterativbildung zu mhd. (md.) zūwen = (weg)ziehen, sich wegbegeben]: unentschlossen zögern; unschlüssig sein: nur kurz, zu lange, nicht länger z.; sie zauderten mit der, vor der Ausführung des Planes; er hielt zaudernd inne; <subst.:> ohne Zaudern einwilligen. Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 19, S. 2705.
Das Zaudern verdanken wir also dem mittelhochdeutschen Begriff für wegziehen bzw. sich wegbegeben.
Fazit
Wir wissen nun dank unseres Lexikons woher unser heutiger Begriff stammt. Viel spannender ist in meinen Augen allerdings Lanns Appell, der, weil ich ihn aus dem Zusammenhang gerissen habe, nicht ganz selbsterklärend ist. Daher gehe ich hier kurz auf ihn ein.

Sprache formt unsere Wahrnehmung. Sie ist nicht neutral. Sie ist kein Abbild der Wirklichkeit. Sie folgt gewissen Konventionen. Konventionen, die wir so stark verinnerlicht haben, dass sie uns nicht mehr bewusst sind. Konventionen, die Kinder ihrer Zeit sind und diese überdauern, weil wir sie nicht in Frage stellen. Das generische Maskulinum ist eine solche Konvention, die inzwischen an vielen Stellen diskutiert wird.
Lanns Buch und der Appell gehen über die aktuellen Diskussionen hinaus. Beide bereiten den Weg für neue Diskussionen. So zeigt Lanns Buch unter anderem auf, dass zahlreiche Berichte über den Nationalsozialismus die Opfer namentlich benennen, die Namen der Täter hingegen verschweigen. Diese werden als Nachbarn oder als Mitglieder der NSDAP oder der Gestapo bezeichnet. Diese Art des Geschichtenerzählens machte Täter unsichtbar und ermöglichte es ihnen, trotz ihrer Taten nach der NS-Zeit weiter unbehelligt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, während jene, die von ihnen denunziert wurden, dies in der Regel nicht mehr konnten, da sie die Folgen der Denunziation nicht überlebten. Lann stellt die Frage, ob wir diese Art des Geschichtenerzählens weiter betreiben sollten.
Lann selbst ist ein Mensch, der sich den eigenen Appell zu Herzen nimmt. Lann handelt sprachlich, indem Lann mit Sprache experimentiert. So habe ich kürzlich ein Buch gelesen, in welchem Lann fast komplett auf Großschreibung verzichtet. Nach ungefähr 50 Seiten hatte ich mich an Lanns Schreibweise gewöhnt und hatte so den Beweis, dass wir Großschreibung nicht zwingend benötigen und diese, wenn wir wollten, in Frage stellen und, ja, sogar abschaffen könnten.
Den Mut, den Lann aufbringt, bringe ich nicht auf. Mein Gefühl für Sprache ist nicht sehr ausgeprägt, und wie dieser Blog zeigt, kenne ich viele Worte nicht, die Autor*innen verwenden. Lange Zeit in meinem Leben hatte ich Angst davor, meine sprachlichen Wissenslücken zu offenbaren. Ich war unsicher, habe gezweifelt, hatte Angst, dass andere mich für dumm halten könnten. Doch irgendwann realisierte ich, dass ich mit meinen Gefühlen nicht allein bin. Ich erkannte, dass andere Menschen auch Worte nicht kannten. Ich lernte, dass mir nicht der Kopf abgerissen wird, wenn ich etwas nicht weiß. Diese Erkenntnis ist die Basis, auf der Blogbeiträge wie der heutige stehen.
An dieser Stelle bin ich neugierig: Wie gehst Du mit sprachlichen Unsicherheiten um? Begegnest Du ihnen so radikal wie Lann oder überspielst Du sie oder hast Du Deinen eigenen Weg gefunden, mit ihnen umzugehen?
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Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch kostenlos zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.
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