Wer bestimmt mein Leben – Regeln oder ich?

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Achtung: Dieser Post hat eine starke Tendenz zum Philosophischen….

Religion, tot, töten
Du sollst nicht töten

Es gibt Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende alte Regeln, die wichtig, richtig und gut sind. „Du sollst nicht töten“ ist sicherlich eine davon. Ohne diese Regel sähe die Welt völlig anders aus und ich für meinen Teil würde nicht in ihr leben wollen. Allerdings gibt es auch Regeln, die laut

Reggie von Zugbach: Von Mr. Downsizing und anderen Zeitgenossen

weder wichtig, richtig noch gut sind. Er schreibt:

„Der erste Schritt in die Freiheit besteht darin, sich klarzumachen, daß [sic!] die meisten Regeln, die unsere Verhaltensweisen bestimmen zu nichts gut sind.“

Reggie von Zugbach: Von Mr. Downsizing und anderen Zeitgenossen S. 115

Warum wir Regeln befolgen

Herdentier

Der Mensch ist ein Herdentier. Jahrtausende lang sicherte der Mensch sein Überleben, weil er sich in Gruppen organisierte. Diese Gruppen teilten sich die Aufgaben die das tägliche Überleben sicherten. Der eine ging jagen, der andere sammeln und der nächste schürte das Feuer und bewachte die Nachkommenschaft. Abends saßen dann alle in der Höhle am warmen Feuer und verspeisten was Jäger und oder Sammler nach Hause gebracht hatten. Nur dank dieser Gemeinschaft war es möglich die nächste Generation zu ernähren und so sicherte die Gemeinschaft lange Zeit das Überleben der menschlichen Spezies.

Damit die Gemeinschaft das Überleben der Spezies sichern konnte, mussten sich alle an die Regeln halten und jeder musste seine Aufgaben erledigen. Wer mit Regeln brach, wurde aus der Gruppe verbannt, denn er riskierte die Sicherheit der Gruppe und schadete ihr, indem er wertvolle Ressourcen verbrauchte, aber keine beitrug. Aus dieser Zeit stammt unser instinktives Wissen, dass Regeln wichtig für die Gemeinschaft sind und daher halten wir uns fast automatisch an Regeln, die wir erlernen.

Gesellschaftliche Regeln im Wandel der Zeit

Teller, Gabel, Messer, Besteck
Teller

Die oben beschriebene arbeitsteilige Regel hatte in Deutschland bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts in Form der Ehe bestand. In den meisten deutschen Haushalten war es normal, dass sich die Frau um die Erziehung der Kinder kümmerte und der Herr der Schöpfung dem Geld nachjagte, welches die Familie brauchte um sich zu ernähren. Abends wenn der Mann nach hause kam stand das Essen auf dem Tische und die Kinder waren bereits im Bett. Seit dieser Zeit hat sich viel getan. Wer heute Sprüche wie „Frauen gehören an den Herd“ klopft, kassiert in der Regel schiefe Blicke, wenn nicht lautstarken Protest.

Welt
Welt

Vom Bauchgefühl her würde ich sagen, dass sich die Regeln, nach denen Frauen in Deutschland leben in den letzten 150 Jahren so massiv verändert haben wie nie zuvor in der Geschichte. Das was den Frauen in dieser Zeit passiert ist, passiert seit einigen Jahren dem ganzen Land, ja der ganzen Welt. Globalisierung, Digitalisierung und co. stellen die Welt wie sie war auf den Kopf. Viele Regeln die ewig bestand hatten, gelten nicht mehr. Dieses Wegbrechen der Regeln bringt zwei Dinge mit sich: Freiheit und das Wegbrechen von Sicherheit.

Sicherheit
Sicherheit

Ich für meinen Teil liebe die neuen Freiheiten die entstehen, doch lange Zeit hat mir das damit verbundene Wegbrechen von Sicherheit Angst gemacht. Ich liebe die Möglichkeit, dass ich dank Digitalisierung und co. einen eigenen Blog betreiben kann. Gleichzeitig habe ich jedes Jahr ein komisches Gefühl wenn ich meinen Rentenbescheid bekomme, denn die Zahlen sagen mir: „Im Alter wirst Du von Sozialhilfe leben Schätzchen.“ Lange Zeit habe ich an dieser Stelle mit den Schultern gezuckt und mir gedacht: „Da kann ich nix machen.“

Sterne-und-Idee
Wünsche

Inzwischen hat sich das geändert und ich denke: „Wahrscheinlich gibt es das Sozialsystem in der heutigen Form gar nicht mehr wenn ich alt bin.“ Und dieser Gedanke führt mich zu einer Frage, deren Antwort ich noch nicht kenne und sie lautet: „Was für eine System wünsche ich mir im Alter? Welches System wäre gut für uns? Ist es ein nationales, oder ein globales System? Wie erschaffen wir es?“ Ich habe keine Ahnung ob ich die Antwort finden werde, aber eine gestellte Frage hat zumindest die Chance darauf beantwortet zu werden.

Soweit der Blick aufs große ganze und nun zurück zu unserm Zitat, dass diesen Gedankengang losgetreten hat: „Der erste Schritt in die Freiheit besteht darin, sich klarzumachen, daß [sic!] die meisten Regeln, die unsere Verhaltensweisen bestimmen zu nichts gut sind.“

Wir haben gesehen, dass manche Regeln fallen, ohne dass wir Einfluss darauf haben. Sie fallen, weil die Welt in Bewegung ist. Die Tatsache, dass ich heute nicht am Herd stehe verdanke ich einer anderen Generation, die für diese Freiheit gekämpft hat. Und ich danke dieser Generation, denn ich bin nicht sicher, ob ich die Kraft für diesen Kampf gehabt hätte. Und natürlich danke ich auch dem wundervollen Menschen, der seit kaum mehr zählbaren Jahren mit Freude regelmäßig des Beste aus aller Welt auf den Tisch zaubert um mich vor dem Hungertod zu bewahren.

Persönliche Regeln

Doch es gibt auch Regeln, die nur uns selbst betreffen. Regeln, die unsere Freiheit einschränken, ohne dass wir es merken. Regeln, die zu irgendeinem Zeitpunkt in unserem Leben sinnvoll und richtig waren. Regeln, die wir von unseren Eltern und den Menschen mit denen wir aufgewachsen sind übernommen haben. Regeln, die wir nicht wahrnehmen. Regeln, die uns jeden Tag unterbewusst steuern. Regeln, die unsere Freiheit einschränken und uns im Austausch Sicherheit schenken.

Es ist an der Zeit sich diese Regeln bewusst zu machen und aktiv zu entscheiden ob wir nach ihnen leben wollen oder nicht. Es ist Zeit Verantwortung zu übernehmen. Niemand bestimmt unser Leben außer uns selbst. Wenn wir anfangen die Regeln nach denen wir leben selbst aufzustellen, wird es uns leichter fallen mit dem immer schneller werdenden Wandel der gesellschaftlichen Regeln zu Recht zu kommen. Die Welt von heute braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen. Der erste Schritt ist Verantwortung für uns selbst zu übernehmen und wenn wir darin gut sind, dann ist der nächste Schritt, uns die Frage zu stellen, ob wir bereit sind die Verantwortung zu übernehmen die Welt von morgen zu gestalten.

Wie können wir uns persönliche Regeln bewusst machen?

Das einzige Rezept das ich kenne lautet: Raus aus der Filterblase. Durch Reisen, den Job wechseln, neue Menschen kennenlernen und Lesen entdecke ich neue Welten, Regeln und Meinungen. Mit meinen neu gewonnen Erfahrungen entdecke ich immer wieder unterbewusste Regeln nach denen ich lebe und stelle sie in Frage.

Für mich war der erste Schritt des „Regeln in Frage stellens“ ein relativ banaler: Wir hörten auf Lebensmittel zu verschwenden. Ich bin in einer Welt groß geworden, die keinen Mangel kennt. Ich habe nie Hunger gelitten. Alles was ich mir als Kind gewünscht habe, habe ich bekommen. Lebensmittel wegzuwerfen war für mich normal und ich machte mir darüber keine Gedanken, schließlich konnte ich neue kaufen.

Mir war schon lange bewusst, dass dies kein „normaler“ Zustand ist. Wirklich wahrgenommen habe ich es aber erst 2011. Damals reisten wir nach Moskau und besuchten eine Freundin meines Vaters. Die Freundin gehört zu jenen Menschen in Moskau, die Arbeit haben, aber wenig Geld verdienen. Ganz nach russischer Tradition bewirtete sie ihre Gäste mit allem was sie hatte. Sie kaufte für uns sogar ein Huhn und ich bezweifle, dass sie sich ohne unseren Besuch diesen Luxus gegönnt hätte.

Am ersten Tag bereitet sie das Huhn zu und wir verspeisten es. Doch dann geschah etwas Spannendes. Die Reste des Huhns wanderten nicht in den Müll, sondern fanden in den nächsten Tagesgerichten Verwendung. Es war dieses Huhn, dass mir meine Verschwendung zu Hause vor Augen führte. Seit jener Reise kaufe ich ganz anders ein und werfe nur noch einen Bruchteil der Lebensmittel weg.

Der zweite Schritt des „Regeln in Frage stellens“ an den ich mich erinnere erfolgte einige Jahre später: Ich habe 2014 aufgehört Nachrichten zu konsumieren und das obwohl ich Tochter einer Journalistin bin. Für mich war das ein krasser Regelbruch, lange zweifelte ich, ob das eine gute Entscheidung war.

Heute bin ich froh über diese Entscheidung. Sie hat mir Zeit geschenkt und meine Gedanken befreit. Ich ärgere mich schon lange nicht mehr über „die Politiker“, oder versuche zu verstehen warum sie handeln wie sie handeln. Ich frage mich in was für einer Welt ich leben möchte und was ich dafür tun kann, dass diese Welt entsteht. Und es gibt nur eine Sache, der ich mir ganz sicher bin: Wir sind es die die Welt von morgen erschaffen. Jeder Einzelne von uns, jeden Tag. Und das ist doch jetzt mal ein schöner Schlusssatz um in den Tag zu starten. Lass uns loslegen und unseren Beitrag zur Erschaffung der neunen Welt leisten.