4,4 min readPublished On: 7. Februar 2022By Categories: Bücher, Wissen

Wer exzellent ist macht keine Fehler, oder?

Das stimmt, das habe ich auch erlebt.

Ist Dir schon einmal eine Geschichte begegnet, bei der Du ganz sicher bist, dass sie stimmt, weil Du selbst etwas ähnliches erlebt hast? Mir ging es bei der Lektüre des Buches von

David Marquet: Reiß das Ruder rum!. Eine wahre Geschichte über Führung und darüber, wie Mitarbeiter zu Mitgestaltern werden

so, der eine interessante Geschichte schildert.

Die Geschichte im Buch – das Streben nach Exzellenz

Stell Dir vor, Du bist Marineoffizier und erhältst den Auftrag, Dich um das Schiff mit dem miserabelsten Ruf in der nuklearbetriebenen Flotte zu kümmern. Keine schöne Vorstellung, oder? Unser Autor nahm diese Herausforderung an. Bei der Analyse der Situation vor Ort stellte er fest, dass die ganze Mannschaft darauf fokussiert war, Fehler zu vermeiden. Auf den ersten Blick erscheint dieses Verhalten sinnvoll, schließlich würden mehr Fehler nicht dafür sorgen, dass sich der miserable Ruf des Schiffes verbessern würde.

Doch unser Autor sah die Sache mit der Fehlervermeidung anders. Er erlebte vor Ort, dass das Streben nach Fehlervermeidung eine Organisation auch lähmen, dann nämlich, wenn der zur Fehlervermeidung gewählte Weg das Nichtstun ist. Die Besatzung vor Ort wusste, dass das Schiff einen miserablen Ruf hatte und so verstärkte jeder Fehler, den ein Crew-Mitglied machte, das Gefühl, es sei besser gar nichts zu tun als Fehler zu machen.

Boa, ne, ich hab schon wieder etwas falsch gemacht.

Unser Autor kam zu dem Schluss, dass der Fokus auf Fehlervermeidung verhinderte, dass dieses Schiff bzw. dessen Crew Außergewöhnliches erreichen würde. Er löste das Problem, indem er die Crew dazu brachte, nach Exzellenz zu streben. Durch diesen neuen Fokus entstand bei der Crew eine neue Klarheit. Statt sich den ganzen Tag mit der Frage zu beschäftigen, wie Fehler verhindert werden könnten, stellten sie sich nun die Frage, was sie tun konnten, um das Schiff in ein exzellentes Schiff zu verwandeln. Dieser Fokus löste die Handlungsstarre und sorgte zusammen mit anderen Maßnahmen, die unser Autor in seinem Buch schildert, dafür, dass das Schiff zum besten nuklearbetriebenen Schiff der US Navy Flotte wurde.

Meine Geschichte – das Streben nach Lernen und Erinnern

Als ich die Geschichte las, wurde mir klar, dass ich in meinem Berufsleben etwas Ähnliches erlebt habe. Ich hatte mal einen Chef, der viel klüger war als ich. Also entwickelte sich die Routine, dass ich Dinge vorbereitete und er diese dann immer noch einmal überarbeitete, bevor sie an die Öffentlichkeit gingen. Mein Chef war der festen Überzeugung, dass meine Arbeit Fehler enthielt, die dem Ruf des Unternehmens schaden könnten. Und tatsächlich fand er bei der Überarbeitung meiner Vorlagen immer mindestens einen Fehler, oder eine Stelle, die er verbessern musste.

Das wird einfach nicht fertig.

Beim Lesen des Buches unseres Autors wurde mir bewusst, dass dieses Verhalten die Organisation lähmte. Wie jeder Chef hatte mein Chef neben dem Korrigieren meiner Arbeit viele Aufgaben, die wichtiger und dringender waren. Das führte dazu, dass meine Vorarbeiten ewig auf ihre Korrektur warteten und zum Teil nie an die Öffentlichkeit gingen.

Ganz anders ist es mit diesem Blog. Als ich begann zu schreiben, wusste ich, dass ich Fehler machte. Doch das störte mich nicht. Denn alles, was auf dem Spiel stand, war mein Ruf als Bloggerin. Und da ich gerade erst begann, hatte ich noch keinen Ruf. Da war also nichts, was ich zerstören konnte. Das Ziel jedes Textes war es etwas zu lernen, oder etwas zu verschriftlichen, das ich mir merken wollte. Ich wusste, dass das Lernen mich besser machen würde, und ich wusste, dass ich nicht besser werden würde, wenn ich nicht irgendwann mit dem Lernen beginnen würde. Also schrieb ich einfach drauf los.

Zu meiner großen Freude gab es irgendwann Menschen, die meine Texte lasen. Einige von Ihnen gaben mir Feedback, das mir half, besser bei dem zu werden, was ich tat. Heute blicke ich auf meine ersten Texte zurück und bin überrascht, wie sehr sich meine Fähigkeiten in den letzten Jahren entwickelt haben. Hätte ich mich weiter darauf fokussiert, Fehler zu vermeiden und meine Texte wieder und wieder korrigiert, bevor ich sie öffentlich machte, wäre ich in den paar Jahren nicht so weit gekommen. Die Verbesserungen habe ich erreicht, weil ich mich auf das Lernen und Erinnern und nicht auf meine Fehler fokussiert habe.

Ein weiterer Vorteil des Fehlermachens ist es in meinen Augen, dass Lernkurven aus Fehlern sich ins Gedächtnis einbrennen. Jeder der massiven Fehler, die ich gemacht habe, hat eine Geschichte und an Geschichten erinnern sich Menschen besonders gut.

Fazit

Die zwei Geschichten zeigen, dass es nicht zwingend Exzellenz sein muss, auf die wir uns fokussieren, um Verbesserungen zu erreichen. Wichtig ist vor allem, sich nicht auf die Fehlervermeidung zu fokussieren.

An dieser Stelle bin ich wie immer neugierig. Wie sieht Deine Erfahrung mit Fehlervermeidung aus? Ist Dir schon einmal eine Organisation begegnet, die durch das Streben nach Fehlervermeidung gelähmt wurde? Mit welchem alternativen Fokus hast Du in Sachen Verbesserungen gute Erfahrungen gemacht.