5,2 min readPublished On: 4. Februar 2022By Tags: , , , , Categories: Bücher, Wissen

Weißt Du, was es mit der Verdrängungshypothese auf sich hat?

Geh weg.

Heute geht es um ein großartiges Thema, das mir bei

Sebastian Pflügler: Kommunikation für die digitale Ära. Wie wir heute miteinander reden – und was dabei immer noch wichtig ist

begegnet ist. Manchmal ist es einfacher, einen Begriff in der Praxis zu erleben, als ihn nur theoretisch erklärt zu bekommen. Daher schauen wir uns im ersten Schritt ein Experiment zum Thema Social Media an, bei dem die Verdrängungshypothese eine wichtige Rolle spielt.

Das Experiment

Warte, ich check nur schnell noch meine 250 Likes auf Twitter, dann bin ich für Dich da.

Melissa G. Hunt, Rachel Marx, Courtney Lipson und Jordyn Young wollten herausfinden, wie die Nutzung von Social Media Einsamkeit beeinflusst. Also machten sie ein 3 Wochen dauerndes Experiment. Sie schnappten sich 143 Studenten von der Universität Pennsylvania und teilten diese in 2 Gruppen ein:

  • Gruppe 1 durfte Social Media nur 10 Minuten am Tag nutzen.
  • Gruppe 2 nutzte Social Media wie gewohnt.

Am Ende des Experiments fühlten sich die Studenten in Gruppe 1 weniger einsam und depressiv als die Studenten der Gruppe 2. Ein Grund: Die Studenten hatten mehr Zeit, um sich mit Menschen zu treffen und zu unterhalten. Das Ergebnis des Experiments motivierte unsere Forscher zu der Empfehlung, die eigene Social-Media-Nutzung auf 30 Minuten am Tag zu reduzieren.

Die Verdrängungshypothese

Ich habe gerade keine Zeit für Dich.

Der Begriff Verdrängungshypothese stammt aus der Kommunikationsliteratur. Er erklärt, warum die Social-Media-Nutzung in unserem Experiment auf Kosten der realen Beziehungen geht.

Social Media ist ein Medium, das uns dabei hilft, neue Menschen kennenzulernen und Verbindungen zu Menschen zu halten, die wir nur flüchtig kennen. Die Zeit, die wir dazu nutzen, diese „schwachen Verbindungen“ auf Social Media zu pflegen, können wir nicht nutzen, um unsere „starken Verbindungen“ zu engen Freunden oder unserer Familie durch persönliche Treffen zu stärken.

Die Verdrängungshypothese besagt daher, dass die Pflege schwacher sozialer Verbindungen auf Kosten der starken sozialen Verbindungen geht. Das Smartphone wird zum „Imprägnierspray gegen menschliche Beziehungen“ S. 17.

Zu meiner großen Freude nennt unser Autor 3 Gründe, warum Social-Media-Kommunikation schwache Verbindungen fördert und starke Verbindungen schwächt:

  1. Die Kommunikation in Sozialen Medien ist meist sehr oberflächlich.
  2. Schriftliche Kommunikation eignet sich nicht für tiefgründigen Gedankenaustausch, weil ihr mit Tonfall, Gestik und Mimik eine entscheidende Kommunikationsebene zum Transport von Emotionen fehlt. Bei einem Text hat der Empfänger einen deutlich größeren Interpretationsspielraum der geschrieben Worte und nicht die Möglichkeit, sofort zu hinterfragen, wie etwas gemeint war.
  3. Das analoge Miteinander leidet unter der bloßen Anwesenheit unseres Smartphones, da dieses unsere Aufmerksamkeit nicht nur in langweiligen Meetings sehr schnell vom Gesprächspartner ablenkt. Das Phänomen ist laut unserem Autor inzwischen so weit verbreitet, dass es einen eigenen Namen bekommen hat: Phubbing. In diesem Begriff stecken die Worte (Smart)Phone und snub (jemanden vor den Kopf stoßen).

Macht Social Media einsam?

Ich finde dieses Thema deshalb so wichtig, weil es meiner aktuellen Socia-Media-Erfahrung an vielen Stellen widerspricht.

Ich brauche mehr Facebook-Freunde für das nächste Level.

Als ich während meines Studiums begann, Social Media zu nutzen, hatte ich schnell viele Facebook-Freunde. Ich kannte diese Menschen oberflächlich, wollte sie auch nicht näher kennenlernen, aber ich brauchte sie, um einem Social Media basierten Mafia-Spiel voranzukommen. Denn ein Freund auf Social Media brachte mir in diesem Spiel Vorteile, die ich ohne ihn nicht gehabt hätte. Damals war ich ein Opfer der Verdrängungshypothese und war mir dessen nicht bewusst. Wo ich nur konnte, griff ich zu meinem Smartphone, um in meinem Spiel Level um Level aufzusteigen.

Mit dem Beginn meines Berufslebens beendete ich meine aktive Facebook-Nutzung. Einer der Gründe war, dass ich plötzlich keine Zeit mehr zum Spielen hatte und deshalb auch nicht mehr so schnell vorankam.

Heute hat meine Social-Media-Nutzung in meiner Wahrnehmung nichts mehr mit der Verdrängungshypothese zu tun. Das liegt zum einen daran, dass ich meinen Social-Media-Apps verboten habe, mich über Neuigkeiten zu benachrichtigen und zum anderen daran, dass Social Media dank dieses Blogs und Working Out Loud für mich keine Spiele-, sondern eine Lernplattform geworden ist.

Hallo Hübsche ist bei mir keine sinnvolle Erstansprache auf Social Media.

Zudem ignoriere ich persönliche Anfragen, die mit „Hallo Hübsche“ oder „Hallo, wie geht es Dir“ beginnen, weil ich gelernt habe, dass diese Anfragen für mich Zeitverschwendung sind. Ganz anders sieht es mit Anfragen aus, die mit konkreten Wissensfragen beginnen. Diese beantworte ich liebend gern und habe in diesen Gesprächen auch schon eine Menge gelernt.

Ach ja, irgendwie ist meine inzwischen verhassteste aktive Social-Media-Plattform Xing auch daran „schuld“, dass dieser Blog existiert. Ohne Xing hätte ich Working Out Loud nicht kennengelernt. Ohne Working Out Loud hätte ich 2019 nicht begonnen, meinen eigenen Blog zu betreiben.

Inzwischen ist Twitter zu meiner Social-Media-Plattform geworden. Facebook habe ich im letzten Jahr gelöscht. Auf Twitter habe ich Grow Buddys gefunden, kommuniziere mit Menschen, die meinen Blog lesen und führe hier auch durchaus tiefgründige Gespräche, bei denen es darum geht, Wissen und Erfahrungen zu teilen und zu erhalten.

Fazit

Du hast es in der Hand, ob Social Media auf Kosten Deiner starken Verbindungen geht, oder ob Social Media die Quelle solcher Beziehungen ist. Wo steht denn bitte geschrieben, dass ein Social-Media-Kontakt nur schriftlich gepflegt werden kann? Erst vor wenigen Tagen habe ich einen Thread auf Twitter gelesen, in dem mindestens 2 Menschen schrieben, dass sie auf Twitter ihren aktuellen Partner gefunden habe.

Ja, unser Autor hat recht, dass schriftliche Kommunikation nicht der beste Weg ist, um starke Verbindungen zu pflegen. Doch Onlinekommunikation besteht nicht nur aus Texten. Dank der rasanten technologischen Entwicklung gibt es inzwischen zahlreiche Programme, die Du nutzen kannst, um schnell mal einen Videocall zu machen. Oft brauchst Du dafür lediglich die Telefonnummer oder E-Mail-Adresse Deines Gegenübers.

An dieser Stelle bin ich wie immer neugierig: Wie sind Deine Erfahrungen mit Social Media und sozialen Beziehungen?