5,8 min readPublished On: 10. Oktober 2022By Tags: , , Categories: Bücher

Wer war eigentlich dieser Hans Wurst?

Bin ich ein Hans Wurst?

Manche Dinge sind mir so vertraut, dass ich sie noch nie hinterfragt habe. Dazu gehört auch die Formulierung Hanswurst. Mir ist bewusst, dass es nicht nett gemeint ist, eine Person als Hanswurst zu beschreiben. Doch ich habe keine Ahnung, wer Hans Wurst war, ob es überhaupt einen Menschen mit diesem Namen gab, oder ob diese Redewendung einen ganz anderen Ursprung hat. Auch habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, wie ein Hanswurst aussehen könnte. Zu meiner großen Freude beschreibt 

Joseph Conrad. Herz der Finsternis

das Aussehen eines Hanswursts wie folgt:

„Er sah aus wie ein Hanswurst. Seine Kleider waren aus einem Zeug gemacht, das vielleicht einmal ungebleichte Leinwand gewesen war, doch es war mit Flicken übersät, mit bunten Flicken, blau, rot, gelb, Flicken hinten, Flicken vorne, Flicken an den Ellbogen und an den Knien, seine Jacke war bunt eingefaßt, der Hosenrand scharlachrot gesäumt. Im Sonnenschein machte er einen überaus lustigen und zugleich erstaunlich sauberen Eindruck, weil man sah, wie ordentlich das Flickwerk besorgt worden war. Ein bartloses jungenhaftes Gesicht, hellblondes Haar, keine markanten Züge, eine Nase, die sich schälte, blaue Äuglein; auf dem offenen Gesicht wechselten Lächeln und Stirnrunzeln so schnell wie Sonnenschein und Schatten auf einer windgefegten Ebene.“

S. 98.

Nach dieser Beschreibung bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich die Formulierung Hanswurst je richtig verstanden habe. Möglicherweise ist sie freundlicher gemeint, als ich sie einschätze. Lass uns doch einmal schauen, ob unser Lexikon uns in Sachen Bedeutung auch heute wieder erleuchten kann.

Was das Lexikon sagt

Jetzt habe ich mehr Fragen als vorher

Was mich an unserem Lexikon immer wieder fasziniert, ist, dass manche Einträge im Lexikonteil mehr Fragen als Antworten enthalten, und der Wörterbuchteil es oft in wenigen Worten schafft, meine Frage in wenigen Worten zu beantworten. So ist es auch heute wieder. Im Lexikonteil ist folgender Eintrag zu finden.

„Hanswurst, dt. Prototyp der kom. Figur oder lustigen Person, entstanden aus der Verschmelzung versch. Bühnenfiguren (z.B. täpp. Bauer des Fastnachtspiels, ↑Pickelhering der engl. Wanderbühnen, Arlecchino der ↑Commedia dell‘ Arte). Als Name erscheint H. zuerst in einer neiderdt. Übersetzung von S. Brants »Narrenschiff« (1519) als Hans Worst. Als Gestalt auf dt. Bühnen war er v.a. im 17. Und 18. Jh. populär, wurde in der Frühaufklärung von Gottsched bekämpft, im Theater der Aufklärung in zivilisierter Form als ↑Harlekin eingesetzt und vom Schauspiel des Sturm und Drang wieder mit derb-komischen Zügen ausgestattet. – Abb. S. 242.“

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 06, S. 241.

Im Wörterbuchteil gibt es diesen einfachen und leicht verständlichen Eintrag

„Hanswurst, der; -[e]s, -e, scherzh. auch: …würste: 1. Derb-komische Figur des deutschen Theaters des 18. Jh.s. 2. Dummer Mensch, den man nicht ernst nimmt, der sich lächerlich macht: dieser armselige H.!“

Das Zeit Lexikon. Mit dem Besten aus der Zeit, Band 18, S. 1013.

Dank dieser beiden Einträge weiß ich nun, dass ich den Begriff bis heute falsch verstanden habe. Ich dachte, ein Hanswurst sei ein Schwächling, kein Dummkopf. Zudem weiß ich nun, dass es nie einen Hans Wurst gab, und er eine erfundene Figur von Autoren ist.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht. Aber kenne fast keines der Werke und keine der in unserem Lexikoneintrag erwähnten Figuren.  Daher hoffe ich nun, dass das Internet uns hier weitere Informationen geben kann, damit wir eine noch klarere Vorstellung des Hanswurstes bekommen, der sich im Verlauf der Zeit anscheinend mehrmals gewandelt hat.

Was das Internet sagt

Da uns unser Lexikon viele Themen vor die Füße kippt, durchlaufe ich sie an dieser Stelle nur oberflächlich, damit die Länge dieses Blog-Beitrages nicht völlig eskaliert.

Da ich noch nie auf einer Fastnacht war und diese nur vom Hörensagen kenne, bin ich mir nicht sicher, ob der in diesem YouTube Video ab Minute 10:10 auftauchende Bauer möglicherweise die Verkörperung des täppischen Bauern ist, von dem in unserem Lexikon die Rede ist.

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Nachdem mir bei YouTube Wachtmeester Pickelhering begegnet war, dachte ich, dass diese Figur eine Verballhornung der deutschen Soldaten aus der Kaiserzeit sei, weil der Wachtmeester eine Pickelhaube trägt. Wikipedia belehrt mich an dieser Stelle allerdings eines Besseren und verrät mir, dass der Pickel in Pickelhering nichts mit der Soldatenkopfbedeckung zu tun hat. Pickel stammt hier von pökeln ab und der Pickelhering ist ein eingesalzener Fisch. Im ersten Moment dachte ich daher, dass es bestimmt komisch wäre, einen Schauspieler im Heringskostüm auf der Bühne zu sehen. Doch dann verriet mir der gleiche Wikipedia-Eintrag, dass die Person des Pickelhering auf der Bühne deshalb diesen Namen trägt, weil er sich hauptsächlich von gesalzenem Fisch ernährt. Der Pickelhering auf der Bühne ist in der Regel ein Diener, der eine Leidenschaft für das Essen hat.

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In weniger als 2 Minuten gibt uns dieses YouTube Video eine Vorstellung des Arlecchino der Commedia dell‘ Arte. Diese Figur trug auf der Bühne eine Maske und war ebenfalls ein Diener.

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Da das Buch von Sebastian Brant „Das Narrenschiff“ schon sehr alt ist, ist es auf der Webseite des Projektes Gutenberg zu finden. Wenn Du also wissen möchtest, welche Eigenschaften Hans Worst in diesem Werk hat, kannst Du das Buch in einer ruhigen Minute, besser gesagt, in einer ruhigen Woche lesen.

Bei meiner schnellen Recherche zu Gottsched und Hans Wurst fand ich heraus, dass Johann Christoph Gottsched ein deutscher Dramatiker und Herausgeber des 18. Jahrhunderts war, der sich darum bemühte, die Vielzahl der Narrenfiguren, z. B. die Figur des Hans Wurst, von der Bühne zu verbannen und sich für eine Reform des Theaters einsetzte. 

In meiner Recherche zum Thema Harlekin habe ich gelernt, dass diese Bühnenfigur boshaft und witzig war, seine Witze häufig auf Kosten anderer machte und eine bestimmte Maske und ein Kostüm trug, nicht zuletzt auch deshalb, um nicht erkannt zu werden.

Fazit

Ich weiß nicht, wie es Dir geht. Doch ich bin überrascht, wie viel mir bisher unbekanntes Wissen sich in einem Begriff verbirgt, der einen dummen Menschen beschreibt. Ich habe heute eine Menge gelernt. Und ich werde den Hanswurst nun gänzlich aus meinem Vokabular streichen, weil ich der festen Überzeugung bin, dass es keine dummen Menschen gibt. Es gibt lediglich dummes Verhalten und das passiert schließlich jedem von uns ab und an. Auch wenn es ärgerlich ist, macht uns genau dieses Verhalten oft nahbar und authentisch und gibt uns die Gelegenheit, mit ein wenig Abstand über uns selbst zu lachen und uns nicht zu ernst zu nehmen.

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