3.8 min readPublished On: 22. Oktober 2021By Categories: Bücher, Wissen

Wir können jede Aufgabe lösen, wenn wir uns nur genug konzentrieren, oder?

Wie gut ist Deine Wahrnehmung.

Wie nimmst Du Deine Umwelt wahr? Bist Du gut darin, alle wichtigen Informationen wahrzunehmen? Auf YouTube habe ich vor vielen Jahren einen 2-Minuten-Test absolviert, der mir bewiesen hat, dass ich nicht gut darin bin, Aufgaben unter voller Konzentration zu lösen. Ich bin mir sicher, dass Du bei dieser YouTube-Aufgabe, bei der ich gescheitert bin, besser abschneiden wirst als ich. Schau Dir bitte dieses Basketball-Video an und beantworte die Frage, wie oft die Spieler in Weiß den Ball an einen anderen Spieler in Weiß weitergeben. Lies diesen Text bitte erst weiter, wenn Du das Video geschaut hast. Der weitere Text wird keinen Sinn für Dich ergeben, wenn Du das Video nicht gesehen hast?

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Wie oft haben die Spieler in Weiß den Ball gespielt?

Als ich das „Selective Attention Test“-Video zum ersten Mal gesehen habe, hatte ich meiner Erinnerung nach weder die richtige Anzahl an Basketball-Pässen, noch hatte ich wahrgenommen, worum es in diesem Video wirklich geht. Ca. 50 % der Menschen, die dieses Video zum ersten Mal sehen, blenden den Gorilla aus, wobei 90 % der Menschen sicher sind, dass sie nicht in der Lage wären, einen Menschen im Gorillakostüm zu übersehen.

Ich kann die Information nicht bewusst ausblenden.

Mich begeistert an dem Video aber ganz besonders, dass es nicht möglich ist, die erste Erfahrung zu wiederholen. Seitdem ich weiß, dass da ein Gorilla durchs Bild laufen wird, kann ich ihn nicht ausblenden. Egal, wie sehr ich mich auf die weißen Spieler konzentriere, der winkende schwarze Gorilla ist immer da.

Das Phänomen, den Gorilla zu übersehen, hat, wie ich bei

Robert Egger: Der Challenge-Manager. Effektiver arbeiten und führen mit den Erkenntnissen der Hirnforschung

gelesen habe, einen wunderbaren Namen. Es heißt „inattentional blindness“. Diesen Fachausdruck übersetzt unser Autor mit „Blindheit infolge von Unaufmerksamkeit“. Meine Übersetzung gefällt mir besser. Ich würde das Phänomen „unabsichtliche Blindheit“ nennen.

Warum „leiden“ Menschen an inattentional blindness?

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich war völlig fassungslos, nachdem ich das Video zum ersten Mal gesehen hatte. Ich konnte mir nicht erklären, wie ich einen winkenden Gorilla übersehen konnte. Ohne es zu wollen, hatte mein Gehirn eine wichtige Information ausgeblendet. Weil ich mich auf die Studenten in den weißen Shirts konzentrierte, blendete mein Gehirn alle schwarzen Informationen aus.

Eine Welt voller Informationen.

Die Sache ist die: Wir leben in einer Welt voller Informationen. Dinge ausblenden zu können ist für uns überlebenswichtig. Die Schönheit einer Blume spielt nun einmal keine Rolle, wenn wir gerade dabei sind, vor einem Säbelzahntiger zu flüchten. Wir sind die Nachfahren jener Wesen, die rannten, da die Blumenbewunderer als Nahrung für Tiger und Co. endeten. Wir leiden also nicht an inattentional blindness, wir profitieren seid unendlichen Generationen von dieser Fähigkeit, bzw. von der Fähigkeit, Informationen ausblenden zu können und uns auf eine Sache zu konzentrieren.

Was mich an diesem Beispiel mit dem Gorilla geradezu schockiert hat, finde ich bei einer anderen Information, die mir in diesem Video entgangen ist völlig normal. Weil ich mich auf die Anzahl der Pässe der weißen Spieler konzentriert habe, habe ich die Pässe der schwarzen Spieler nicht gezählt. Diese Information auszublenden ist für mich so selbstverständlich, dass mir erst heute (viele Jahre nachdem ich zum ersten Mal das Video gesehen habe) bewusst wird, dass ich diese Information bewusst ausgeblendet habe.

Bei dem Gorilla ist das anders. Ich wusste nicht, dass er auftauchen würde, daher konnte ich ihn nicht bewusst ausblenden. Er ist meiner inattentional blindness zum Opfer gefallen, die ich daher gern mit unabsichtlicher Blindheit übersetzen möchte.

Fazit

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich bin Daniel Simons und Christopher Chabris unendlich dankbar dafür, dass sie dieses Video gemacht haben. Denn es hat mir vor Augen geführt, dass wir die Welt unterschiedlich wahrnehmen, wenn wir uns auf unterschiedliche Dinge konzentrieren. Unsere Wahrnehmung wird wesentlich von unseren Aufgaben und von unserem Wissenstand geprägt. Statt mich darüber zu ärgern, dass jemand nicht sieht, was ich sehe, sollte ich mich gespannt der Frage zuwenden, was er gesehen hat, und was ich nicht gesehen habe.