3,4 min readPublished On: 21. September 2022By Tags: , , , Categories: Bücher, Wissen

Wusstest Du, dass es Katzen gab, die nur waagerechte Linien wahrnahmen?

Auch ältere Bücher sind großartig.

Normalerweise lese ich eher aktuelle Bücher. Doch manchmal stolpere ich in solchen Büchern über ältere Literaturempfehlungen. Eine dieser älteren Literaturempfehlungen ist

Frederic Vester: Denken, Lernen, Vergessen. Was geht in unserem Kopf vor, wie lernt das Gehirn, und wann lässt es uns im Stich?

Dieses Buch erschien ursprünglich im Jahr 1978 und beschäftigt sich unter anderem mit den Anfängen der Hirnforschung. Eines der Experimente zum Thema Entwicklung der Sehfähigkeit, das in diesem Buch dargestellt wird, hat mich stutzig gemacht. Deshalb möchte ich mit Hilfe des Internets heute mehr darüber erfahren.

Das Experiment

In dem Experiment von David H. Hubel und Thorsten N. Wiesel, geht es um Katzen, genauer gesagt um Katzenbabys (siehe Vester, S. 32 ff.). Die beiden Wissenschaftler wollten herausfinden, wie äußere Einflüsse in den ersten Lebenswochen die spätere Arbeit des Gehirns eines Tieres beeinflussen.

Ey, ich bin keine Katze.

Um diese Frage zu beantworten teilten sie ein paar Katzen in 2 Gruppen. Die eine Gruppe bekam in den ersten 6 Wochen ihres Lebens nur waagerechte Linien zu sehen, die andere Gruppe nur senkrechte. Nach den 6 Wochen schauten die Wissenschaftler, was passierte, wenn Katzen der waagerechten Gruppe auf senkrechte Linien trafen und umgekehrt. Das Ergebnis war bei beiden Gruppen gleich. Die Katzen begannen bei den unbekannten Linien zu torkeln und verloren die Orientierung.

Der Grund, warum die Katzen mit den anderen Linien nach 6 Wochen nicht mehr zurechtkamen, liegt darin, dass das visuelle System von Katzen 6 Wochen ab der Geburt braucht, um sich zu entwickeln. Nach dieser Zeit ist die Entwicklung abgeschlossen. Das System ist nicht mehr in der Lage, neue Informationen aufzunehmen und ist ihnen gegenüber blind. Für das, was die beiden Wissenschaftler im Rahmen ihrer Forschungen rund um den visuellen Kortex im Gehirn (das ist die Region im Gehirn, die dafür sorgt, dass wir sehen können) entdeckten, erhielten sie 1981 den Nobelpreis.

Wie haben Wissenschaftler dafür gesorgt, dass Katzen nur diese Linien sahen?

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, doch ich habe keine Ahnung, wie Hubel und Wiesel das Experiment gelingen konnte. Wie konnten sie dafür sorgen, dass die Katzen 6 Wochen lang nur die eine Sorte von Linien sahen? Die Antwort auf unsere Frage ist in diesem YouTube Video ab Minute 2 zu sehen, oder besser gesagt zu hören. Die Moderatorin verrät uns, dass die Kätzchen während des Experiments Brillen mit Streifen trugen.

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Fazit

An Tagen wie heute bin ich hin und hergerissen. Auf der einen Seite freue ich mich sehr über das Wissen, das wir durch solche Experimente gewinnen. Auf der anderen Seite tun mir die Tiere leid, die aufgrund der Wissenschaftler nie in der Lage waren, die Welt ganz normal zu sehen.

Ich wette, dass diese Experimente dafür gesorgt haben, dass einige Eltern das Wissen nutzen konnten, um die Entwicklung des Visuellen Kortexes ihrer Babys zu fördern. Doch das ungute Gefühl bei der Vorstellung an die Kätzchen bleibt.

An dieser Stelle tröstet mich das Gefühl, dass Experimente dieser Art immer weniger vorkommen, weil es inzwischen viele Menschen gibt, die sich Sorgen um die Tiere machen, die im „Dienst“ der Menschen stehen. Somit gibt es auch immer mehr Unternehmen, die auf Tierversuche verzichten. Wer weiß, vielleicht sind wir irgendwann in der Lage, gänzlich auf die Experimente an Lebewesen zu verzichten und können wichtige Erkenntnisse über das Gehirn auf eine Art gewinnen, die keinem Lebewesen dauerhaften Schaden zufügt.

Diese Statistik aus der Schweiz zeigt, welche Erfolge bei der Reduktion von Tierversuchen seit 1983 erzielt wurden. 1983 gab es fast 2 Millionen Versuchstiere. Seit 1995 gab es kein Jahr, in dem es mehr als 800.000 Versuchstiere gab.