7 min readPublished On: 7. August 2020By Tags: Categories: Bücher, Wissen

Wusstest Du, dass Rauchen die Brustkrebssterblichkeit vermindert?

Daten sind das neue Gold.

Diese Aussage ist wahr und mit Daten belegbar. Allerdings hat sie einen gigantischen Haken, der mich sehr nachdenklich gemacht und dazu motiviert hat, heute über dieses Thema zu schreiben. Wir leben in einer Welt, in der Daten das neue Gold sind. Manager nutzen Daten, um Entscheidungen zu treffen, und Unternehmen stellen Data-Scientisten an, die ihnen helfen sollen, aus ihren Daten schlau zu werden.

Ich versteh kein Wort, aber wenn Daten das belegen, wird’s schon stimmen.

Es ist gar nicht so lange her, da gehörte auch ich zu den Menschen, die an Daten glaubten. Das einzige Problem daran war, dass ich sie nicht verstand und mich nicht traute, sie zu hinterfragen. Damals brauchte man mir nur ein Balkendiagramm vor die Nase zu halten, und ich war der festen Überzeugung, dass die anhand der Daten getroffenen Aussage stimmen würde. Schließlich lügen Zahlen nicht. Etwas besser wurde mein Bewusstsein für Daten während meines Studiums, als ich im Rahmen eines Statistikkurses lernte, dass Daten sich beeinflussen lassen. Doch irgendwie reichte dieses Wissen nicht, um meinen blinden Datenglauben vollständig zu erschüttern.

Zum Glück gibt es kluge Menschen, wie Gerd Gigerenzer, den Autor von

Gerd Gigerenzer: Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft.

Diese klugen Menschen wissen, dass es andere Menschen wie mich gibt. Deshalb werden sie nicht müde, so viele Beispiele für Datenspielerein zu geben, dass auch bei mir in Sachen Daten so langsam der Groschen fällt. Eines dieser Beispiele ist die Geschichte, dass Rauchen die Brustkrebssterblichkeit reduziert. Ich möchte diese Geschichte heute und an dieser Stelle auflösen, damit wirklich niemand aufgrund dieser Aussage auf die Idee kommt,- mit dem Rauchen zu beginnen.

Warum es keine gute Idee ist zu rauchen, um die Brustkrebssterblichkeit zu reduzieren

Danke für Deine Arbeit Gerd.

Zigarettenrauch reduziert die Brustkrebssterblichkeit, weil 1 (eine) von 1.000 Frauen an den Folgen des Rauchens stirbt, bevor sie überhaupt die Chance hat, an Brustkrebs zu sterben. Das bedeutet, dass in diesem Falle die Brustkrebssterblichkeit sinkt, dafür aber die Gesamtsterblichkeit steigt. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, bei solchen Beispielen das große Ganze zu sehen.

Wo steht das?

HINWEIS: Übrigens begehe ich an dieser Stelle gerade eine Todsünde in Sachen Daten: Ich nenne keine genaue Quelle. Wenn Du diese Daten nun überprüfen möchtest, musst Du ein Buch mit 396 Seiten konsumieren. Viel freundlicher von mir wäre es an dieser Stelle, wenn ich Dir verraten würde, dass ich diese Informationen auf S. 275 gefunden habe und Dir gleichzeitig verraten würde, dass ich Gerds Daten nicht weiter hinterfragt habe. Und ich habe mir nicht einmal die Mühe gemacht, mir seine Datenquelle anzuschauen, geschweige denn zu überprüfen.

Daten sollten schnell und einfach überprüfbar sein

Daten brauchen Quellen.

Zu meinem Leidwesen bin ich auch dank dieses Wissens noch immer nicht in der Lage, gut mit Daten umzugehen. Doch zumindest hat Gerd es geschafft, mein Bewusstsein für Daten weiter zu schärfen. So saß ich letztens in der Nähe eines Fernsehers, auf dem gerade Nachrichten liefen. Da ich normalerweise keine allgemeinen Nachrichten konsumiere, stieß mir sofort ins Auge, dass die Daten, die hier gezeigt wurden, in meiner Wahrnehmung nicht vollständig waren, so dass mir sofort Zweifel an diesen Daten kamen. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, welche Nachrichtensendung es war. Sollte Dir also in nächster Zeit eine Statistik in den Nachrichten begegnen, bei der Quellenangaben und Co. fehlen, freue ich mich über einen Hinweis, damit ich dieses Beispiel hier erläutern kann.

Wo finde ich dieses Diagramm?

Um der Qualität der Verwendung von Daten in Nachrichtensendungen auf den Grund zu gehen, habe ich mir gerade Teile der 17 Uhr Tagesschau vom 31.07.2020 angeschaut. In der Minute 2:33 war ich sehr beruhigt, dass die gezeigten Daten sowohl eine grobe Quellenangabe (Quelle: Robert Koch-Institut) enthielten als auch den Hinweis „Täglich an das RKI übermittelte Fälle“. Mit diesen Angaben habe ich mich auf die Suche nach der gezeigten Tabelle gemacht und genau diese Daten nicht gefunden. Aus diesem Grund konnte ich dieses Balkendiagramm nicht genauer betrachten, was ich schade finde. An dieser Stelle würde ich mir wünschen, dass Nachrichten einen klickbaren Link zur Quelle angeben würden, damit die geweckte Neugier des Zuschauers sofort befriedigt werden kann.

Sind viele Daten gut oder schlecht?

Ich habe mit Hilfe der Angaben aus der Nachrichtensendung allerdings eine unglaubliche Menge an Daten zu dem Thema gefunden. An dieser Stelle bin ich nun hin und her gerissen:

  1. Ich bin begeistert, dass es so viele Daten gibt und dem Webseitenbesucher des RKI das Vertrauen geschenkt wird, mit diesen umgehen zu können.
  2. Meine Neugier, mehr zu der in den Nachrichten gesehenen Statistik zu erfahren, ist aufgrund der Datenflut binnen 3 Sekunden im Keim erstickt, da ich vor lauter Daten nicht jene gefunden habe, die ich suchte:
    1. Von wem erhält das RKI seine Daten? Nur von Krankenhäusern, oder auch von Hausärzten?
    1. Gehen Menschen aufgrund solcher Daten vermehrt zum Arzt? Und werden so mehr Krankheitsfälle wahrgenommen?
    1. In den Daten ist ein Muster erkennbar. Schauen wir auf die Wochentage, stellen wir fest, dass die Zahl der Fälle am Sonntag und Montag auffällig gering ist. Woran liegt das?
Die Sache mit der Sicherheit…

Die Sache ist nun die: Durch seine smarte Aufklärungsarbeit hat Gerd dafür gesorgt, dass ich Daten nicht mehr automatisch vertraue. Das finde ich sehr gut. Gleichzeitig hat Gerd damit auch dafür gesorgt, dass ich ein Gefühl der Sicherheit verloren habe. Das fühlt sich komisch an, obwohl ich rational weiß, dass die „gefühlte Sicherheit“ nie eine reale Sicherheit war. Dank Gerd konnte ich mein Bedürfnis, irgendwann ein fantastischer ZDFler (erkläre ich sofort) werden zu wollen, guten Gewissens beerdigen. Ich bin nun ein umso stolzerer ARDler.

ARD vs. ZDF

Es ist lange her, als mir jemand verriet, dass ARD und ZDF nicht nur die Abkürzungen für zwei Fernsehsender sind, sondern auch für zwei Arten von Datenverarbeitung:

  • ARD = Ahnen Raten Deuten
  • ZDF = Zahlen Daten Fakten
Noch nie gemacht, sollten wir ausprobieren.

Vor langer Zeit glaubte ich, dass ZDFler den  ARDlern überlegen wären, und ich einfach nicht smart genug wäre, ihre Daten zu begreifen. Inzwischen habe ich verstanden, dass die Welt sowohl ARDler als auch ZDFler braucht. ZDFler sind in der Lage, die Datenflut des RKI zu sichten und sich daraus einen Reim zu machen. Doch wenn ZDFler keine Daten haben, auf deren Grundlage sie Entscheidungen treffen können, sind sie schnell aufgeschmissen. Das ist oft ungünstig, denn in unserer Welt entsteht dank Globalisierung und Digitalisierung ständig etwas Neues, zu dem es noch keine Daten gibt. Um von diesen Entwicklungen profitieren zu können, brauchen wir ARDler, die in der Lage sind, auch ohne Daten Entscheidungen zu treffen.

Fazit

Bitte nicht machen.

Die Welt der Daten ist unglaublich faszinierend, und ich habe heute viel gelernt. Zum Beispiel, dass echte Daten aus einem kuriosen Blickwinkel zu unklugen Entscheidungen führen können. Mit etwas Fantasie können wir also viele Wege finden, um die Brustkrebssterblichkeit zu reduzieren. Vermutlich ist ein sehr effektiver Weg, zu Fuß mit verbundenen Augen und Noise-Cancelling-Kopfhörern eine achtspurige Autobahn ohne Tempolimit zu überqueren, um die Brustkrebssterblichkeit zu reduzieren. Dennoch sollten wir dies keinesfalls tun, weil die Chance, bei dieser Aktion unser Leben zu verlieren, bei gefühlten 100 Prozent liegt. Um solche Blickwinkel zu verhindern, braucht die Welt Forscher, Data-Scientisten und Journalisten, die ein gesundes Bewusstsein für Ethik haben. So verführerisch es ist zu schreiben, dass Noise-Cancelling-Kopfhörer die Brustkrebssterblichkeit reduzieren, so verantwortungslos wäre es von einem Forscher, ein entsprechendes Experiment zu starten und von einem Journalisten, eine solche Aussage in die Welt zu tragen.

An dieser Stelle bin ich neugierig, wie Dein Verhältnis zu Daten ist. Bist Du eher ein ARDler, oder ein ZDFler?