5.9 min readPublished On: 9. Juli 2020By Categories: Bücher, Wissen

Gibt es einen Trick für Schönschreiben?

Sketchnotes leben von lesbaren Handschriften.

Als ich vor etwas mehr als einem Jahr mit dem Sketchnoten begann stand ich nicht nur vor der Herausforderung, mir ein visuelles Alphabet aufzubauen, sondern auch vor der – wie sich herausstellen sollte – viel schwierigeren Aufgabe, eine leserliche Handschrift zu entwickeln.

Zu Beginn war ich der Überzeugung, dass ich mir einfach eine schöne Schrift aussuchen könnte, diese einfach trainieren würde und dann irgendwann schön schreiben würde. In der Praxis fand ich dann aber heraus, dass sich – was auch immer ich tat – kein echter Trainingseffekt einstellte. Meine Buchstaben waren leserlich, aber ich war super langsam – was beim Sketchnoten nicht gut ist. Und die Linien der Buchstaben wirkten so wackelig wie die eines Grundschülers.

Wie schafft sie das?

Damals saß ich vor den Sketchnotes von Nadine Roßa und fragte mich, wie die Frau es hinbekam, bei ihren Texten wild zwischen Groß- und Kleinbuchstaben zu wechseln und trotzdem ein harmonisches Schriftbild zu haben. Zu meiner großen Freude habe ich dank

Norbert Pautner: Handlettering. Die 33 schönsten Alphabete mit Rahmen, Ornamenten und Bordüren. Das praktische Vorlagenbuch. Tipps zur Gestaltung von Karten, Anhängern und Tafeln

nun endlich eine Antwort auf meine Frage gefunden, die mich zufriedenstellt. Nadine Roßa nutzt eine ganz besondere Schriftart, die den schlichten Namen „Unicase“ trägt. Was genau sich dahinter verbirgt, schauen wir uns nach einem Miniausflug in die Welt der Schriftartenregeln an.

Miniausflug in die Welt der Schriftartenregeln

Eine kleine Gedächtnisstütze.

Im folgenden Text werden ein paar auf Schriftarten bezogene Fachbegriffe auftauchen, die ich an dieser Stelle kurz erläutere. Wahrscheinlich kennst Du die meisten schon. Die Liste dient an vielen Stellen also nur als Gedächtnisstütze:

  • Großbuchstaben sind die Buchstaben, die wir am Satzanfang oder bei Nomen nutzen. Großbuchstaben werden nur am Anfang eines Wortes genutzt. Das Schreiben eines ganzen Wortes in Großbuchstaben empfindet die Internetgeneration als ANBRÜLLEN.
  • Kleinbuchstaben sind alle anderen Buchstaben.
  • Lesegeschwindigkeit: Vor gefühlten hundert Jahren habe ich gelesen, dass wir Tests, die Groß- und Kleinbuchstaben enthalten, schneller lesen können. Aber ich bin mir inzwischen nicht mehr ganz so sicher, ob das stimmt. Vielleich habe ich da auch etwas durcheinandergebracht, und es waren nicht Kleinbuchstaben, sondern die Schreibschrift gemeint.
  • Oberlänge bedeutet, dass ein Buchstabe höher ist als andere Buchstaben der Schriftart.
  • Unterlänge bedeutet, dass ein Buchstabe die Linie durchbricht, auf der die anderen Buchstaben der Schriftart stehen.

Die Schriftart Unicase

Die Schriftart Unicase hat drei Besonderheiten, die sie in meinen Augen einzigartig macht:

  1. Fast alle Buchstaben haben die gleiche Breite von 4 bis 5 Karos und die gleiche Höhe von 7 Karos auf einem Millimeterpapier.
  2. Wo auch immer möglich wird vermieden, dass die Buchstaben die Ober- und Unterlinie durchbrechen. Wenn es einmal eine Ober- und Unterlänge gibt, ist diese bei 2 Karos.
  3. Es scheint keine Regeln zu geben, wann Kleinbuchstaben und Großbuchstaben verwendet werden. Bei dieser Schriftart scheint der wilde Wechsel zwischen den Buchstabengrößen völlig NoRMal.
Eine leichte und fröhliche Schrift.

Diese drei Punkte machen Unicase zu der perfekten Schrift für das Sketchnoten. Durch die gleichmäßige Höhe der Buchstaben lässt sich diese Schrift harmonisch in die im Sketchnoten so beliebten Container einfügen. Weil Groß- und Kleinbuchstaben gemischt werden können, wirkt die Schrift verspielt, leicht und fröhlich.

Mich begeistert die Unicase Schriftart und damit kommt sie auf meine lange To-Do-Liste in Sachen Sketchnote-Optimierungen. Ich habe lange Zeit versucht schön zu schreiben und unterschiedliche Schriftarten getestet. Irgendwann habe ich gelernt, dass eine neue Schrift zu lernen Zeit, Geduld und vor allem Routine bedeutet. Diese Ressourcen habe investiere ich aktuell bewusst in andere Projekte.

Zum Glück habe ich inzwischen andere Wege gefunden, um leserlich zu schreiben.

Leserlich Schreiben für blutige Anfänger

Großbuchstaben waren meine Rettung.

In Sachen leserliche Handschrift waren Großbuchstaben mein Lebensretter. Denn die Großbuchstaben meiner Handschrift sind deutlich besser lesbar als meine Kleinbuchstaben. Vielleicht liegt es daran, dass ich einen Tick länger brauche, einen Großbuchstaben zu schreiben als einen Kleinbuchstaben. Zu meiner großen Freude muss ich bei der Verwendung von Großbuchstaben nicht auf die Großschreibung am Wortanfang verzichten. Der Trick hierbei ist, den Buchstaben am Wortanfang einfach höher zu machen.

Der hässlichste muss gehen.

Ein wahrer Lifehack für das leserliche Schreiben ist die Übung „Kill den hässlichsten Buchstaben“. Die Übung ist so simpel, dass ich sie immer wieder ignoriert habe, wenn sie mir in einem Übungsbuch begegnete. Immer dachte ich, es ist schön und gut, die eigene Handschrift zu optimieren, aber wo ist der wahre Trick für eine großartige Handschrift? Inzwischen habe auch ich es verstanden. Die Kill-den-hässlichsten-Buchstaben-Übung ist der wahre Trick zu einer großartigen Handschrift.

Kill-den-hässlichsten-Buchstaben-Übung

Moment, ich bin gar nicht hässlich.

Bei dieser Übung schreibst Du einmal das ganze Alphabet. Dann schaust Du Dir Deine Buchstaben an und schnappst Dir den hässlichsten Kandidaten. Bei mir war das hässliche Entlein lange Zeit das G. Es war immer krumm und schief und die Unterlängen-Schlaufe sah immer anders aus. Also habe ich mir bei der Übung mein G geschnappt und im Internet nach einem schönen G gesucht. Als ich es gefunden hatte, habe ich es bis zum Umfallen abgeschrieben und in den darauf folgenden Tagen darauf geachtet, das alte G nicht mehr zu verwenden. Inzwischen denke ich nicht mehr über mein neues G nach, sondern schreibe es einfach. Damit ist nun der perfekte Zeitpunkt für mich gekommen, den nächsten hässlichen Buchstaben „zu töten“.

Wie werde ich so gut wie ein Handletter?

Vorzeichnen ist super wichtig.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Wahrscheinlich hilft Dir kein Wissen aus diesem Blogbeitrag dabei, so schön zu schreiben wie die professionellen Handletterer. Denn diese haben ein schmutziges Geheimnis, das ich sehr gut aus eigenere Erfahrung kenne. Ihr schmutziges Geheimnis, das dafür sorgt, dass  ihre Schriften so wunderschön aussehen,  lautet: Zeit. Die Jungs und Mädels schreiben so schön, weil sie richtig viel Zeit in das investieren, was sie machen. Wenn ein Handletterer auf YouTube mal lässig mit seinem Brushpen einen Spruch pinselt, dann ist dieses lässige Pinselschwingen das Ergebnis von unzähligen Trainingsstunden. Für Postkaten und Co. nutzen die Handletterer, die ich kenne, noch einen weiteren Trick: Sie zeichnen vor.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber mir reicht es, wenn meine Schrift leserlich ist. Für echtes Üben habe ich einfach nicht die Muße.