Können wir mit kleinen Geschichten über uns hinauswachsen?

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WERBUNG: Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Klett-Cotta- Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.

Mutige Geschichten erschaffen eine mutige Welt.

Ich bin der festen Überzeugung, dass es Geschichten sind, die die Welt, in der wir leben, erschaffen. Traurige Geschichten erschaffen eine traurige Welt, ängstliche Geschichten eine ängstliche Welt und mutige Geschichten eine mutige Welt. Da das jetzt doch sehr theoretisch klingt, nehme ich hier einmal das Praxisbeispiel Gesichtsbedeckung, um zu zeigen, was damit gemeint ist. Es gibt die unterschiedlichsten Arten der Gesichtsbedeckung, und hinter jeder Art der Gesichtsbedeckung steckt eine andere Geschichte.

Die Geschichte der Gesichtsbedeckung

Ist eine Burka gut oder schlecht?

Schauen wir uns einmal eine Burka an, die die vollkommenste Gesichtsbedeckung ist, die ich kenne, da sie neben dem Gesicht auch gleich den ganzen Körper verhüllt. In vielen Ländern dieser Welt ist eine Burka etwas ganz Normales. Sie ist eine Art Mantel, den Frauen auf der Straße tragen, und jede Frau, die ihn trägt, respektiert die gegebenen kulturellen Regeln bzw. die Geschichten und Traditionen dieser Länder. In Deutschland dagegen ist eine Burka etwas Ungewöhnliches. Die Mehrheit der Deutschen assoziiert mit dem Kleidungsstück negative Geschichten, z.B. die Unterdrückung der Frau. Zudem ist es in Deutschland normal, sein Gesicht zu zeigen. Unterbewusst lebt in vielen Menschen die Vermutung bzw. der Verdacht, dass Menschen, die Böses im Schilde führen, ihr Gesicht nicht zeigen und es verbergen.

Keine Sorge, mir ist nur kalt.

Die Vermutung, dass Menschen, die ihr Gesicht bedecken, etwas Böses im Schilde führen, ist nicht nur in den Köpfen der Menschen verankert, sondern sogar deutschen Gesetz: im Vermummungsverbot in § 17a des Versammlungsgesetzes (VersG). Dieses Gesetz besagt, dass wir unsere Gesichter auf Versammlungen nicht verbergen dürfen. Es ist aber okay, dass Gesicht mit einem Schal – zumindest teilweise – zu verhüllen, weil einem Kalt ist. Wir dürfen auch die Augen mit einer Sonnenbrille bedecken, weil es hell ist. Nicht okay ist dagegen das Bedecken der unteren Gesichtshälfte, um die eigene Identität zu verschleiern. Wenn die Geschichte, die wir uns erzählen, also lautet, meinem Gegenüber ist kalt, und es ist zu hell, dann reagieren wir ganz anders auf seine Bekleidung als wenn wir uns erzählen, dass er mit dem gleichen Schal und der gleichen Brille versucht, seine Identität zu verschleiern.

Unsere Geschichten

Weil ich der festen Überzeugung bin, dass Geschichten die Welt erschaffen in der wir leben, schreibe ich in diesem Blog überwiegend positive Geschichten und verbinde damit das (möglicherweise etwas naive Ziel) die Welt jener Menschen zu verbessern, die diese Geschichten lesen. Wenn mir Menschen schreiben, dass sie Legastheniker sind und dass ihnen der Beitrag über Legasthenie geholfen hat, freue ich mich unglaublich. Denn diese Rückmeldungen bedeuten, dass ich es geschafft habe, die Welt eines Menschen zu verbessern.

Ich möchte Deine Welt verbessern.

Die Geschichten, die wir am häufigsten hören, sind die Geschichten, die wir uns täglich selbst erzählen. Diese Geschichten gestalten jeden unserer Tage und somit unser ganzes Leben. Es sind kleine Geschichten, wie “Das muss jetzt gemacht werden“ oder „Ich kann das nicht“. Doch diese kleinen Geschichten haben unglaublich viel Macht über uns. Auch bei diesen Geschichten gilt der Grundsatz: Mit negativen Geschichten gestalten wir unser Leben negativ, mit positiven Geschichten positiv. Aus diesem Grund freue ich mich heute sehr darüber, dank

Alica Ryba, Gerhard Roth: Coaching und Beratung in der Praxis. Ein neurowissenschaftlich fundiertes Integrationsmodell

eines simplen (aber nicht ganz leicht umzusetzenden) Tipps, etwas mit Dir teilen zu können, das uns dabei hilft, die Qualität der Geschichten, die wir uns erzählen, massiv zu verbessern.

Unsere typischen Geschichten

Jeder von uns erzählt sich jeden Tag lautlose Geschichten in seinem Kopf:

  • Wenn uns etwas gelungen ist, sagen wir uns: „Das ist gut geworden.“
  • Wenn eine Aufgabe nicht weiter aufgeschoben werden kann, sagen wir uns: „Das muss jetzt gemacht werden.“
  • Wenn etwas mächtig daneben gegangen ist, sagen wir uns: „Ich bin ein Versager.“
Ey, Eigenlob stinkt!

Das Spannende an diesen Geschichten ist, dass wir in der Regel dazu neigen, negative Dinge – wie das Versagen – in der Ich-Form zu formulieren, positive Dinge dagegen ohne Ich. Durch diese kleinen Formulierungen beziehen wir ständig negative Dinge auf uns selbst und schieben lobende Dinge von uns weg. Da jeder von uns weiß, dass Eigenlob stinkt (auch wieder so eine Geschichte), ist dieses Verhalten gesellschaftlich akzeptiert. Doch was gesellschaftlich akzeptiert ist, ist noch lange nicht sinnvoll.

Geschichten, die uns wachsen lassen

Geschichten, die uns helfen zu wachsen.

Sinnvoll ist es, uns Geschichten zu erzählen, die uns helfen, über uns hinauszuwachsen. Geschichten, die zeigen, dass wir Urheber unserer Handlungen sind und nicht einfach nur ein Spielball unseres Umfeldes. Geschichten, in denen wir uns loben, wenn etwas gelingt und Geschichten, in denen wir wollen und nicht müssen. Da aller Anfang bekanntlich schwer ist, haben uns unsere heutigen Autoren diese kleine Start-Hilfe-Liste angefertigt:

  • Das ist gut geworden. > Ich habe das gekonnt.
  • Das muss jetzt gemacht werden. > Ich will das.
  • Ich bin unsicher. > Ich verunsichere mich.
  • Ich habe Schuldgefühle. > Ich mache mir Vorwürfe
  • Ich bin ein Versager. > Ich bin streng mit mir.
  • Ich kann das nicht. > Ich spreche mir diese Fähigkeit ab.
  • Ich musste mich ärgern. > Ich wollte mich ärgern.

Diese kleinen unscheinbaren Sätze haben das Potenzial, Deine Welt völlig auf den Kopf zu stellen, weil sie Dich in die handelnde Rolle Deines Lebens setzen und Anschlussfragen provozieren. Ein „Ich bin unsicher“ können wir einfach kommentarlos stehen lassen. Ein „Ich verunsichere mich“ provoziert dagegen die Nachfrage: Warum? Und mit dieser Nachfrage können wir unserer Unsicherheit auf den Grund gehen, und sie – mit etwas Glück – sogar beheben. 

Fazit

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber mein persönlicher Klassiker lautet: „Ich kann das nicht.“ Mit diesem Satz laufe ich vor vielen Dingen weg. Er ist so einfach gesagt und so unschuldig und so normal. An dieser Stelle nehme ich mir nun vor, in Zukunft zu sagen: „Ich spreche mir diese Fähigkeit ab.“ Denn dieser Satz ist so schlimm, so provokativ und geht so gar nicht, dass ich merke, wie ich sofort handeln will und alles auf den Weg bringen will, um mir diese Fähigkeit zuzusprechen. Und nun bin ich – wie immer – neugierig. Was ist Dein Klassiker? Kannst Du Dir vorstellen, ihn zu ersetzen? Hast Du das Gefühl, dass dieses „Ersetzen“ Auswirkungen auf Dein Leben haben könnte.