Shifting Baselines – Das ultimative Werkzeug der Veränderung

_Geschätzte 8 Minuten Lesezeit

WERBUNG: Das Buch, das diesen Beitrag inspiriert hat, habe ich als Rezensionsexemplar vom Goldman Verlag erhalten. Das bedeutet, ich habe das Buch zur Verfügung gestellt bekommen, um darüber zu schreiben.

Ein Besuch im Park

Stell Dir vor, Du hättest 2019 100 Menschen auf der Straße gefragt, ob es möglich ist, dass die Regierung den Menschen verbietet, sich auf Spielplätzen und in Parks aufzuhalten. Was meinst Du wie hätten die Antworten gelautet? Ich wohne in Berlin und bin mir sicher 100 Menschen hätten mir gesagt, dass das nicht passieren wird und nicht passieren kann. Immerhin leben wir in einer Demokratie und eine Demokratie, zeichnet sich unter anderem durch Freiheit aus.

Es sind bestimmt die Hörner, die diesen Virus so besonders machen.

Doch dann kam das Jahr 2020. Ein Virus, bei dem ich bis heute nicht verstehe, was ihn so einzigartig macht, brach über die Welt herein. Die Experten warnten vor dem Virus, einige Menschen erkrankten an dem Virus, und die Deutsche Regierung verbot den Menschen sich auf Spielplätzen und Parks aufzuhalten und viele Menschen hielten sich an das Verbot. Ich für meinen Teil verstand die Welt nicht mehr. Was war hier passiert? Wie war es möglich, dass eine freiheitsliebende Bevölkerung dieses Verbot einfach akzeptierte? Zu meiner großen Freude las ich in diesem Moment gerade

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft

und stolperte in diesem Buch über das Phänomen, das das Land und ich geradelive erlebten. Dieses Phänomen trägt den harmlos wirkenden Namen Shifting Baselines, und weil dieser Name auf den ersten Blick nicht sehr vielsagend ist, schauen wir uns dieses Phänomen jetzt genauer an.

Shifting Baselines

Zu meiner großen Freude gehört Richard David Precht zu jenen Autoren, die Dinge, die sie sagen auch erklären. So ist er auch im Falle von Shifting Baselines so freundlich, uns zu verraten, was sich hinter dem Begriff verbirgt. Shifting Baselines ist

„das allmähliche Verschieben einer Sache in eine ganz neue Dimension in tausend kleinen und für sich genommen kaum bemerkenswerten Schritten“

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft, S. 63.
Schritt für Schritt

Das Verbot für Spielplätze und Parks war ein solcher kleiner Schritt und daher waren die meisten Menschen bereit, diesen Schritt, zu akzeptieren. Diejenigen die es nicht taten, wurden von Polizei und Mitbürgern darauf hingewiesen, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung war. Und da sie in diesem Moment allein waren, akzeptierten auch sie in diesem Moment das Verbot.

Schauen wir uns nun einmal an, wie fantastisch die Regierung das Konzept Shifting Baselines 2020 einsetzte.

Wie ein Virus das öffentliche Leben stoppte

Wie genau war das noch Mal?

Was nun folgt ist eine Schilderung der Ereignisse aus meiner Wahrnehmung und Erinnerung. Das bedeutet, dass ich im Folgenden möglicherweise Dinge durcheinanderbringe, weil ich die Nachrichten nicht verfolge und mir keine Notizen zu den Entwicklungen gemacht habe. Solltest Du bemerken, dass ich etwas durcheinandergebracht habe, freue ich mich auf einen Hinweis, damit ich das korrigieren kann.

Für mich begann alles im Januar 2020. Ich war gerade in einer Weiterbildung zum Digital Transformation Manager und mich hatte eine kleine Erkältung erwischt, die mich 3 Tage in Schach hielt. Doch wer mich kennt, weiß, dass es mehr als eine kleine Erkältung braucht, um mich vom Lernen abzuhalten. Also ging ich weiter zur Weiterbildung und achtete darauf, keinen körperlichen Kontakt mit anderen Teilnehmern zu haben, um niemanden anzustecken. Doch meinem Sitznachbarn schien das nicht zu reichen und er setzte sich um, um ganz sicher zu gehen, dass meine Erkältung ihn nicht erwischt. Er erzählte mir von einem Virus und ich dachte: Er ist ein junger Familienvater und vielleicht ein wenig übervorsichtig und ließ mich von seinem Verhalten nicht weiter irritieren.

Klage

Doch dann kam der März 2020 und plötzlich schien die Welt durchzudrehen. Freunde erzählten mir, dass sie in ihren Unternehmen plötzlich keine Veranstaltungen mit vielen Teilnehmern mehr halten durften, weil da so ein Virus unterwegs war, und ich dachte: Au man, große Unternehmen habe echt nervige Regeln und sind ganz schön paranoid. Auf der anderen Seite verstand ich natürlich, dass die Unternehmen lieber vorsichtig waren, um später nicht wegen Unvorsichtigkeit verklagt zu werden.

Endlich habe ich Zeit…

Ich für meinen Teil freute mich über einen freien Monat, in dem ich mich intensiv darum kümmern wollte, einige Dinge, wie zum Beispiel meinen TED Talk auf den Weg zu bringen. Anfang März war ich mir sicher, dass dieser ominöse Virus nur ein Hirngespenst war. Doch dann häuften sich die Berichte über den Virus in meiner Twitter Timeline. Selbst das Stummstellen vieler virusbezogener Worte schien dieser Häufung keinen Abbruch zu tun. Plötzlich hieß es, in Bayern gäbe es eine Ausgangssperre und ich dachte: Au man, dass kann nur in Bayern passieren, in Berlin würden die Bürger den Politikern das Fell gerben.

Doch das Ereignis in Bayern sollte so ziemlich das letzte Ereignis sein, das mich nicht betraf. In den kommenden Tagen brach der Virus, bzw. dessen Auswirkungen auf die Welt auch in meine Welt ein:

  • Ich erhielt die Nachricht, dass eine Veranstaltung, die ich Sketchen sollte, nicht stattfinden würde.
  • Ich erhielt die Nachricht, dass eine Veranstaltung auf der ich reden sollte, nicht stattfinden würde.
  • Ich erhielt die Nachricht, dass meine Weiterbildung nun nicht mehr live stattfinden konnte.
Warte, ich bin gerade beschäftigt.

Und während ich noch völlig benommen von diesen Nachrichten versuchte, alles wieder in Reih und Glied zu bekommen, verbot die Regierung den Menschen Spielplätze und Parks aufzusuchen. Was mich Wochen zuvor noch unglaublich aufgeregt hätte, war plötzlich nebensächlich, weil ich wichtigere Themen auf dem Zettel hatte, und in Anbetracht der Entwicklungen in der Welt hatten Parks und Spielplätze gerade eh nicht die krasse Priorität für mich.

Veränderungen funktionieren hervorragend in kleinen Schritten

Harmonische Veränderung, dank Shifting Baselines

An dieser Stelle möchte ich meinen Hut vor der Regierung ziehen. Mir fällt keine Stelle ein, an der sie das Konzept Shifting Baselines besser hätte umsetzten können. Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass Bayern das Testobjekt war. Hätten die Bayern rebelliert, hätte die Regierung ihre Virus-Strategie völlig neu aufstellen müssen. Doch Bayern akzeptierte die Vorgaben. So hatte ich in Berlin Zeit, mich über die Bayern zu wundern und meine Freiheit zu genießen. Als es dann auch Berlin traf, dachte ich mir nur: Nun ja, das war ja irgendwie zu erwarten.

Auch kleine Veränderungen brauchen Zeit.

Was die Deutsche Regierung hier so fantastisch vorgemacht hat, funktioniert zu meiner großen Freude nicht nur in Staaten, sondern auch in Unternehmen und bei uns selbst. Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir kleine Schritte machen und dem Prozess Zeit geben. Ein radikaler Einschnitt ruft in der Regel Gegenwehr hervor. Eine Digitalisierung von heute auf morgen kann nicht funktionieren. Wenn wir allerdings einen Prozess nach dem anderen digitalisieren und den beteiligten Mitarbeitern Zeit geben, sich an die Veränderungen zu gewöhnen, klappt es mit der Digitalisierung. Wichtig ist, dass jede Veränderung an sich so minimal ist, dass sie keine Bedrohung darstellt.

Fazit

Volle Regale sind unglaublich großartig.

Diese ganze Geschichte wird mich wohl noch eine Weile gedanklich beschäftigen. Doch in erster Linie bin ich gerade extrem Dankbar. Durch das was gerade passiert, ist mir wieder bewusst geworden, wie genial die Welt ist, in der wir leben. Wie frei wir sind, wie schön wir es haben. Plötzlich bewundere ich Dinge, die für mich immer selbstverständlich waren. Völlig fasziniert stehe ich inzwischen im Supermarkt und frage mich, wie die Menschheit solch fantastische Lieferketten auf die Beine stellen konnte, die immer dafür sorgen, dass die Regale gefüllt sind.

Ich wünsche mir eine Welt, die…

Dank des kleinen analogen Virus habe ich viel gelernt. Dank dieses kleinen analogen Virus steht die Welt Kopf. Dank dieses kleinen analogen Virus ist plötzlich alles anders und ich frage mich: Wie soll die Welt aussehen, in der ich in Zukunft gern leben möchte? Und was kann ich tun um sie zu bauen. Und weil diese Frage so schön ist, möchte ich sie nun Dir stellen und freue mich auf Deine Antwort.