5,8 min readPublished On: 11. Juni 2020By Tags: , Categories: Bücher, Wissen

Sind wir zu schlau zum Zeichnen?

Ich bin ein Pinguin.

Es ist gar nicht so lange her, da war ich davon überzeugt, dass ich nicht zeichnen könnte. Selbst meine Strichmännchen sahen immer schief aus, weil es mir nie recht gelingen wollte, ihre Augen auf gleicher Höhe zu platzieren. Das einzige Wesen, das ich zeichnen konnte, war ein Pinguin.

Schach
Das erste du-bist-grossartig-Bild.

Lange Zeit haben mich meine nicht vorhandenen Zeichnenfähigkeiten nicht gestört, doch dann kam der Tag, an dem ich entschied, für meinen Blog du-bist-grossartig zu zeichnen. Damals gefielen mir meine Bilder nicht wirklich, aber ich wusste, dass sie mit der Zeit und mit Übung besser werden würden. Da ich diese Verbesserung nicht ganz dem Zufall überlassen wollte, schnappte ich mir ein Buch zum Thema Zeichnen lernen und machte einige der darin beschriebenen Aufgaben.

Die auf-dem-Kopf-zeichnen-Übung

Auf dem Kopf zeichnen.

Eine Aufgabe war es, ein auf dem Kopf stehendes Bild zu zeichnen. Am Anfang fragte ich mich nach dem Sinn der Übung, doch als ich das Ergebnis sah, war ich völlig von den Socken. Meine Zeichnung war zwar deutlich übergewichtiger als das Original, sah diesem aber ansonsten sehr ähnlich. In diesem Moment lernte ich, dass die Gehirnhälfte, die für Logik zuständig ist, oft verhindert, dass uns unsere Zeichnungen gelingen. Da diese Gehirnhälfte „weiß“, wie etwas auszusehen hat, zeichnet sie es so, wie es ihrer Ansicht nach auszusehen hat, und dadurch wird es falsch. Durch das-auf-den-Kopf-Stellen des Bildes, verhindern wir, dass uns diese Gehirnhälfte beim Zeichnen dazwischenfunkt und bekommen so bessere Bilder.

Ich habe keine Ahnung, wie das geht.

Seit dieser auf-den-Kopf-zeichnen-Übung habe ich meine Zeichnenfähigkeiten mit vielen weiteren Übungen geschult und behaupte heute nicht mehr, dass ich nicht zeichnen kann. Doch manchmal stolpere ich über Aufgaben, die mich doch noch einmal ordentlich an meine Zeichnenfähigkeiten zweifeln lassen. Einer dieser Übungen bin ich vor wenigen Tagen in

Norbert Pautner: Chalkboard. Das große Lettering & Doodle Buch. Mit herauslösbaren schwarzen Übungsseiten

begegnet. Auf den ersten Blick sah die Übung völlig harmlos und entspannt aus, immerhin ging es nur darum, ein paar simple Kringel zu zeichnen.

Die spiegelverkehrte Übung

Bitte zeichne diesen Kringel spiegelverkehrt.

Der Clou an der Übung war allerdings die Aufgabe, Kringel spiegelverkehrt zu zeichnen. Nichts leichter als das, dachte ich, setzte den Stift an und zeichnete den Kringel – richtig herum. Erstaunt schaute ich auf meine Zeichnung und auf das Original und konnte nicht glauben, was gerade passiert war. Also schnappte ich mir meinen Stift und wiederholte die Übung und konzentrierte mich mit aller Kraft darauf, den Kringel spiegelverkehrt zu zeichnen. Als ich fertig war und beide Bilder miteinander verglich, musste ich feststellen, dass es mir erneut nicht gelungen war, den Kringel verkehrt herum zu zeichnen. Erst im vierten Anlauf gelang es mir, den Kringel zu drehen. Da mir das Ergebnis aber nicht gefiel, startete ich einen neuen Versuch. Am Ende hatte ich 9 Kringel gezeichnet, lediglich 4 davon waren spiegelverkehrt, und kein einziger kam dem Original auch nur nahe.

Meine 9 Versuche, die dem Original kaum ähneln.

In diesem Moment war ich etwas frustriert und nahm mir vor, einen Blogbeitrag zu dieser Übung zu schreiben. Zum einen wollte ich wissen, ob es nur mir so schwer fällt, diese Übung zu machen, oder ob es normal ist, weil diese Übung so schwer ist. Zum anderen hoffte ich darauf, dass ich im Internet die Antwort auf die Frage finden würde „Warum ist das so schwer“?

Schreib mir gerne.

Bei der Beantwortung der ersten Frage brauche ich Deine Hilfe. Bitte schnappe Dir kurz einen Zettel und einen Stift und zeichne diesen Kringel so lange, bis es Dir gelingt, ihn spiegelverkehrt zu zeichnen. Bitte schreibe mir nun auf einem Kanal Deiner Wahl (E-Mail, LinkedIn, Twitter), wie viele Versuche Du gebraucht hast.

Hier siehst Du die aktuellen Ergebnisse (letzte Aktualisierung 25.05.2020):

  • 1 Teilnehmer (11 Jahre alt) brauchte 1 Versuche, um einen spiegelverkehrten Kringel zu zeichnen.
  • 1 Teilnehmer brauchte 2 Versuche, um einen spiegelverkehrten Kringel zu zeichnen.
  • 1 Teilnehmer brauchte 3 Versuche, um einen spiegelverkehrten Kringel zu zeichnen.
  • 1 Teilnehmer brauchte 4 Versuche, um einen spiegelverkehrten Kringel zu zeichnen.

Warum ist das so schwer? – Was das Internet sagt?

Zu meiner großen Erleichterung haben – laut Internet – auch andere Menschen ihre liebe Mühe damit, Dinge spiegelverkehrt zu zeichnen.

Schreibtraining in der Schule

Im Gegensatz zu Erwachsenen scheint es Kindern leichter zu fallen, spiegelverkehrt zu schreiben. Viele Kinder müssen in der Schule erst lernen, die Buchstaben des Alphabets richtig herum wiederzugeben. Wer weiß, vielleicht ist es ja dieses Schreibtraining, das es einem Erwachsenen so schwer macht, einen Kringel spiegelverkehrt zu zeichnen. Unser Gehirn hat einfach gelernt, dass man das nicht macht und weigert sich daher es zu tun.

Die spiegelverkehrte Übung – so gelingt der Kringel

Nachdem ich so kläglich an der Übung gescheitert bin, habe ich Vieles ausprobiert, um die Übung besser zu meistern. Dieses Mal war es keine Option, das Bild auf den Kopf zu stellen, da es mich nur noch mehr verwirrt hat. Die beste Lösung, die ich gefunden habe, ist die folgende:

  1. Du nimmst beide Hände und streckst die Zeigefinger aus.
  2. Jetzt malst Du mit beiden Fingern Kreise in die Luft, wobei die linke Hand sich gegen den Uhrzeigersinn bewegt und die rechte Hand sich mit dem Uhrzeigersinn.
  3. Nun wirst Du mutiger und malst wilde Formen in die Luft, wobei sich weiterhin die linke Hand gegen den Uhrzeigersinn bewegt und die rechte Hand sich mit dem Uhrzeigersinn.
  4. Sobald das gut funktioniert, schnappst Du Dir den Originalkringel, einen Stift und ein Papier und fährst mit dem Finger der freien Hand den Kringel entlang und zeichnest mit dem Stift in der anderen Hand den spiegelverkehrten Kringel.

Fazit

Ich weiß genau wie es aussehen soll.

Wir haben uns heute zwei simple Zeichnenübungen angeschaut, die beide beweisen, dass die meisten Menschen einfach zu schlau zum Zeichnen sind. Unsere smarten Gehirne wissen, wie die Welt aussehen sollte und wollen sie daher genauso zeichnen. Was auf einem Bild nicht zu sehen ist, erfinden unsere Gehirne wie im Falle der Boundary Extension  einfach dazu. Daher fällt es Menschen zum Teil so schwer, ein Bild einfach abzuzeichnen. Doch selbst wenn wir unserem Gehirn aktiv sagen, das wir etwas falsch – also spiegelverkehrt – zeichnen wollen, funkt es einfach dazwischen und verhindert, dass wir einen Kringel einfach umdrehen. Schließlich haben wir als Schüler gelernt, dass man das nicht macht.