Sorgt einfache Sprache für die Verblödung von Mitarbeitern?

Hilfe, das ist zu kompliziert.

Im Marketing gibt es das KISS-Prinzip. Kiss ist die Abkürzung für

  • K – Keep
  • I – It
  • S – simple (and)
  • S – Stupid.

Übersetzen würde ich das in etwa mit „Halte es einfach und simple“. Bei diesem Prinzip geht es darum, alle Marketingbotschaften so zu formulieren, dass sie von jedem verstanden werden können.

KISS sorgt für Wissenstransfer

Zu meiner großen Freude hat sich dies Prinzip inzwischen auch auf viele andere Bereiche des Lebens ausgeweitet. Immer mehr Menschen versuchen, sich einfach auszudrücken und sorgen so dafür, dass sie von immer mehr Menschen verstanden werden können. Auf diese Weise gelangt Wissen, das lange Zeit einer kleinen Elite vorbehalten war, in die breite Masse und kann hier genutzt werden, um Dinge zu erschaffen, die vorher undenkbar waren. Aus diesem Grund bin ich ein großer Fan des KISS-Prinzips.

KISS in Organisationen verblödet

Diese Organisation ist Blind vor Blödheit.

Es gibt jedoch Autoren, die meine Meinung nicht teilen. Dazu gehört

Lars Vollmer: Zurück an die Arbeit – Back To Business: Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden – wertschöpfend und erfolgreich. Das neue wegweisende Management-Buch,

Lars teilt meine Begeisterung für das KISS-Prinzip nicht. Er wettert daggen und schreibt:

„Hat sich eine Unternehmenskultur im Laufe der Zeit von der Realität des Marktes distanziert, dann kann es gefährlich werden. Eine Kultur, in der zum Beispiel eine KISS-Doktrin vorherrscht, schreibt den Mitarbeitern implizit vor: Keep it simple and stupid. In einem solchen Unternehmen bin ich gezwungen, alles einfach und trivial auszudrücken. Dadurch verblödet die Organisation natürlich auf Dauer. Irgendwann ist die Organisation dümmer als jedes einzelne Mitglied. Jeder sagt nur das, was gesagt werden darf und denkt sich seinen Teil. Sollte dieses Unternehmen dann irgendwann mit einer komplexen, nicht trivialen Marktsituation konfrontiert sein, freut sich nur noch der Wettbewerb.“

S. 63.

Ist KISS jetzt gut oder schlecht?

Wie Du Dir vielleicht denken kannst, war ich irritiert, als ich diese Stelle im Buch unseres Autors zum ersten Mal las. In meiner Welt war KISS etwas Gutes. Menschen, die nicht gewillt waren, sich dem KISS-Prinzip zu beugen

  • hatten in meinen Augen die Sache, um die es ging nicht verstanden und waren daher nicht in der Lage, sie einfach auszudrücken oder
  • wollten Ihr Wissen schützen, weil sie sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil erhofften.

Doch dann hielt ich inne und fragte mich: Kann es sein, dass unser Autor recht hat? Kann es sein, dass KISS in einem Unternehmen dafür sorgt, dass eine Organisation verblödet?

Soll ich mein Wissen lieber schützen?

Plötzlich fiel bei mir der Groschen. Natürlich hat unser Autor recht. Das, was er beschreibt, kann passieren. Und möglicherweise schreibt er gerade deshalb darüber, weil er so eine Situation schon einmal erlebt hat. Doch die Sache ist die: Auch ich habe recht. Organisationen, in denen Mitarbeiter ihr Wissen schützen, indem sie sich weigern, Dinge einfach und simpel auszudrücken, nutzen das Wissen des Unternehmens nicht optimal und können von Wettbewerbern, die die Vorteile des Wissen-Teilens nutzen, überholt werden. 

KISS ist gut und schlecht

Wie so oft im Leben gilt auch beim KISS-Prinzip: Die Dosis macht das Gift. KISS ist großartig, wenn es darum geht, das Wissen innerhalb eines Unternehmens fließen zu lassen.

Das KISS-Prinzip ist nicht gut, wenn in ihm ein Redeverbot versteckt ist, das dafür sorgt, dass Themen nicht angesprochen werden, die sich nicht simpel ausdrücken lassen. In jedem Unternehmen gibt es immer mal wieder neue Dinge. Solche Dinge können so schwierig sein, dass sie sich zu Beginn nicht in einfacher Sprache ausdrücken lassen. Das ist völlig okay und natürlich.

Um etwas simpel und einfach ausdrücken zu können, müssen wir es verstehen. Solange wir es nicht verstehen, können wir es nur vage, schwierig und komplex beschreiben. Wir müssen Erfahrungen mit dem Thema sammeln. Wir müssen uns darüber unterhalten. Wir müssen das Thema durchdringen. Und irgendwann kommen wir dann (hoffentlich) an einen Punkt, an dem wir das Thema verstanden haben und in der Lage sind, es einfach und simpel auszudrücken.

Unserem Autor ist es gelungen, mir die Augen zu öffnen. Ich bin absolut kein Fan von Extrempositionen. Dank unseres Autors habe ich heute erkannt, dass ich bis jetzt in Sachen KISS-Prinzip eine Extremposition innehatte. Mein Wunsch danach, in einer Welt zu leben, die das volle Potential des Wissens nutzt, das in ihr ruht, war für mich so verlockend, dass ich nicht gesehen habe, dass das KISS-Prinzip auch problematisch sein kann.

An dieser Stelle bin ich nun um eine Sichtweise reicher. Ich bin weiterhin ein gigantischer Fan des KISS-Prinzips und werde auch in Zukunft darauf achten, mich einfach und simpel auszudrücken und andere dazu inspirieren, das Gleiche zu tun. Gleichzeitig werde ich ein Auge darauf haben, dass meine Begeisterung für das KISS-Prinzip nicht dafür sorgt, dass jemand in meinem Umfeld nicht zu Wort kommt, weil er nicht in der Lage ist, etwas einfach und simpel auszudrücken.

Fazit

Lass uns nun auf unsere Anfangsfrage zurückkommen: Nein, einfache Sprache allein sorgt nicht dafür, dass Mitarbeiter verblöden. Einfache Sprache im Unternehmen kann dafür sorgen, dass das Wissen im Unternehmen fließen kann. Doch immer dann, wenn einfache Sprache dafür sorgt, dass Mitarbeiter ihr Wissen nicht teilen können, weil sie es nicht einfach ausdrücken können, besteht die Gefahr, dass eine Organisation verblödet oder besser gesagt, dass sie nicht in der Lage ist, ihr gesamtes Wissen zu nutzen. 

9. Dezember 2022
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  1. Maria Steinberg 21. August 2023 at 04:57 - Reply

    Ein fan der einfachen Texte ist der Autor von
    Robert Egger: Der Challenge-Manager. Effektiver arbeiten und führen mit den Erkenntnissen der Hirnforschung
    Er empfiehlt seinen Lesern komplizierte Texte in Unternehmen zu reduzieren:
    „Gibt es in Ihrer Firma sprachlich komplizierte Texte? Diese ziehen nicht nur die Energie Ihrer Mitarbeiter ab und verlangsamt deren Arbeit, sondern sie frustrieren Menschen auch, die sich auf ganz andere Dinge konzentrieren wollen und sollen.“ S. 43.

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