5,4 min readPublished On: 30. August 2022By Tags: , , , Categories: Bücher, Wissen

Verdankt Netflix seinen Erfolg seinen Partnern?

Das wird bestimmt ein geniales Produkt.

Stell Dir vor, Dein Unternehmen entwickelt ein Produkt. Die Entwicklung dauert Jahre. Es steckt viel Zeit und viel Geld in der Entwicklung des Produktes. Kurz bevor das Produkt starten soll, kontaktiert der Geschäftsführer das Entwicklungs-Team und stoppt das Projekt. Wenn Du jetzt denkst, dass das kein Geschäftsführer jemals machen würde, dann ist die heutige Geschichte genau das Richtige für Dich. Denn genau das ist 2007 bei Netflix passiert. Gelesen habe ich die Geschichte bei

Melissa Perri: Raus aus der Feature-Falle. Wie effektives Produktmanagement echten Mehrwert schafft

Welches Netflix-Produkt wurde gestoppt?

Wir schreiben das Jahr 2007. Viele Deutsche bemühen sich, 20:15 Uhr zu Hause zu sein, um den spannenden Film im Fernsehen nicht zu verpassen. Andere wiederum bevorzugen eine gewisse Freiheit bei ihrer Filmwahl und gehen lieber in die Videothek, um dort Filme zu leihen, um diese später zu Hause zu schauen. Kein einziger deutscher Haushalt nutzt Netflix, denn dieser Dienst wird erst in 7 Jahren für den deutschen Markt verfügbar sein.

Das Internet in Deutschland war einfach zu langsam, aber nicht in den USA.

In den USA dagegen erfreut sich Netflix bereits großer Beliebtheit. Das liegt nicht etwa daran, dass die USA ein viel besseres Internet haben als Deutschland, sondern daran, dass Netflix 2007 im Grunde genommen eine Online- Videothek war. Als Netflix 1997 gegründet wurde, war das Internet so langsam, dass niemand ernsthaft in Erwägung zog, einen Film stunden- oder gar tagelang über das Internet herunterzuladen, um ihn dann zu schauen. Dass Menschen zu dieser Zeit begannen, Netflix zu nutzen, lag daran, dass sie bei Netflix Film-DVDs online leihen konnten und nicht extra eine Videothek aufsuchen mussten.

Als das Internet schneller wurde, rückte die Möglichkeit in immer greifbarerer Nähe, einen ganzen Film online schauen zu können. Dank des 2005 gegründeten YouTube wurden es für viele Menschen ganz normal, Videos über das Internet zu schauen. Netflix entschloss sich, die Chance zu nutzen und ein Hardwareprodukt zu erschaffen, dass es den Menschen ermöglichen würde, Filme aus dem Internet auf ihrem Fernseher zu schauen. Dieses geheime Hardware-Entwicklungs-Projekt hatte intern den Namen Griffin.

Warum stoppte der Geschäftsführer das Produkt?

Wir haben da echt viel Zeit reingesteckt.

Ungefähr 20 Leute hatten lange Zeit unentwegt an der Entwicklung von Griffin gearbeitet. Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber hätte ich den Namen Netflix nicht gelesen, hätte ich schwere Zweifel daran gehabt, dass ein Unternehmen eine solche Entscheidung heil überstehen kann. Erstaunlicherweise ist das aber ziemlich genau der Grund, warum Reed Hasting, der Geschäftsführer von Netflix, das Produkt stoppte.

Reed erkannte im Dezember 2007 gerade noch rechtzeitig, dass ein eigenes Hardware-Produkt einen gigantischen Absatzmarkt verbauen würde. Netflix war im Januar 2007 in die Welt des Videostreaming eingestiegen. 6 bis 18 Stunden im Monat konnten Netflix-Nutzer für „nur“ 6 bis 18 Dollar Videos über das Internet streamen. Netflix war im Dezember 2007 also bereits ein Software-Anbieter im Bereich Streaming. Mit der im eigenen Haus entwickelten Hardware hätte Netflix alle Produkte gehabt, um sein Produkt unabhängig von anderen Firmen auf den Markt zu bringen.

Was im ersten Moment nach einem super Plan klingt, hatte einen mächtigen Haken. Mit dem Hardwareprodukt hätte Netflix zwar die Möglichkeit bekommen, den Streaming-Hardware-Markt selbst zu erobern. Aber es hätte damit auch alle Firmen, die bereits streamingfähige Hardware verkauften, zu Wettbewerbern gemacht. Reed entschloss sich im letzten Moment, die eigene Hardware zu stoppen, weil er die potenziellen Wettbewerber nicht zu Konkurrenten machen sondern sie lieber als Partner gewinnen wollte.

Hatte er recht? Waren Partner so wichtig?

Microsoft war ein großer und starker Partner.

Auch wenn Reeds Entscheidung sicherlich den ein oder anderen Mitarbeiter bei Netflix geschockt haben dürfte, wurde schnell klar, dass die Entscheidung mehr als vernünftig war. Da Netflix keine eigene Hardware hatte, konnte das Unternehmen Microsoft mit seiner Xbox als Partner gewinnen. Xbox ist eine Spielekonsole und hat auf den ersten Blick nur wenig mit Streaming zu tun. Doch Spielekonsolen hatten den Vorteil, dass sie schon immer am Fernseher angeschlossen wurden. Damit waren sie ein großartiger Weg für Netflix, in die Fernseher der Menschen zu gelangen. Dank dieses Partners waren für Netflix von einem Tag auf den anderen ohne den Verkauf eines einzigen Hardwareteils alle TV-Geräte in den USA nutzbar, die an eine Xbox angeschlossen waren.

Also ja, Reeds hatte recht und seine Entscheidung war richtig, Partner waren wichtig. Die Kooperation mit Hardwarepartnern sorgte für eine rasante Verbreitung des Streaming-Zugangs. 2006 wurden der erste smarte Fernseher auf einer Messe vorgestellt, und es dauerte nicht mehr lange, bis Netflix auch die Hersteller von Smarten Fernsehern als Partner gewann.

Was passierte mit der Netflix-Hardware?

Was passierte mit dem Produkt?

Obwohl sich Netflix gegen die Release der Hardware im eigenen Unternehmen entschied, ist das damals entwickelte Gerät oder besser gesagt, dessen Nachfolger, dank der Unternehmensausgründung Roku am Markt zu kaufen. Das Projekt wurde also nicht wirklich eingestellt, es wurde allerdings nicht unter dem Namen Netflix herausgebracht. Spannend ist, dass die Über Uns Seite von Roku keinen Bezug zu Netflix herstellt.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich kannte das Unternehmen Roku bis heute nicht. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass der Anbieter seine Geräte erst seit dem 28.09.2021 auf dem deutschen Markt anbietet. In den USA ist das Unternehmen deutlich bekannter. Dort erfreut es sich sogar größerer Beliebtheit als das vergleichbare Produkt von Amazon.

Fazit

Ich liebe diese Netflix-Erfolgsgeschichte, weil sie wunderbar vor Augen führt, dass eine Kooperation bzw. Partnerschaft mehr bringen kann als der Kampf gegen Wettbewerber. Hoffentlich inspiriert diese Geschichte das ein oder andere Unternehmen an der ein oder anderen Stelle, von vornherein lieber auf eine Kooperation als auf eine Eigenentwicklung außerhalb des eigenen Kernbereiches zu setzen.

An dieser Stelle bin ich neugierig: Kennst Du weitere Beispiele, bei denen eine Kooperation bzw. Partnerschaft klüger war als eine Eigenentwicklung?

Update 31.08.2022

Hier ist ein Partnerschafts-Besipiel auf das mich der Twitter User @Joe_not_Jo aufmerksam gemacht hat:

Die Google Dienste laufen auch auf vielen Devices von Partnern, die Map Services bei Automobilherstellern z. B.

@Joe_not_Jo