7,1 min readPublished On: 11. Mai 2021By Tags: , , , Categories: Bücher, Wissen

Warum ändert sich nichts?

Endlich habe ich Zeit für mich.

Hast Du Dich auch schon einmal gefragt, warum unsere Welt so ist wie sie ist? Ich frage mich das ständig. Ich wundere mich, warum wir

  • 8 Stunden am Tag arbeiten, obwohl wir wissen, dass niemand 8 Stunden am Tag eine Top Performance bringt,
  • unser Leben lang arbeiten und erst dann Zeit haben, das Leben in vollen Zügen zu genießen und die Zeit so zu verbringen, wie wir wollen, wenn wir körperlich abbauen,
  • darüber schimpfen, dass die Welt in Sachen Reichtumsverteilung so ungerecht ist und dennoch unser Geld jenen Unternehmen zuwerfen, die in unseren Augen einen großen Beitrag zur Ungerechtigkeit leisten.

Und dann komme ich an den Punkt, an dem ich denke: Mein Gott, lass es gut sein, es geht uns doch gut. Denk nur an

  • die Menschen in der Steinzeit, die in ständiger Angst vor dem Säbelzahntiger lebten,
  • die Frauen vor 150 Jahren, die – in meiner Wahrnehmung – eine superschlechte Stellung gegenüber den Männern hatten,
  • die Menschen auf dieser Welt, die bereits Kriege erlebt haben oder noch erleben und alles verloren haben.

Und dann freue ich mich über die Tatsache, dass ich

  • eine warme Wohnung habe, die mich vor Raubtieren schützt,
  • machen kann was ich will und keinen Mann um irgendetwas bitten muss,
  • noch nie einen Krieg erlebt habe und das damit verbundene Sicherheitsgefühl genieße.

Und genau an diesem Punkt bin ich einer von den Milliarden auf dieser Welt, die dafür sorgen, dass alles bleibt, wie es ist. Denn die Sache ist die: Menschen lieben Gewohnheiten und Routinen.

Gewohnheiten

  • geben uns das Gefühl der Sicherheit,
  • sind einfach, weil wir Routine in ihnen haben,
  • sind angenehm.

Muss ich schon wieder umziehen?

Ja, wir mögen auch Abwechslung, doch diese muss gut dosiert sein, damit wir sie genießen können. 3 Wochen in Thailand die Sonne auf dem Bauch zu genießen ist großartig, aber dort zu leben, eine neue Sprache und Kultur zu lernen und ein völlig neues Leben aufzubauen, ist eine ganz andere Hausnummer. Den Urlaub kann ich jedes Jahr wiederholen, das Leben jedes Jahr völlig umzukrempeln würde mir dagegen viel zu anstrengend sein.

Müssen wir uns aufgrund unserer Liebe zu Gewohnheiten und Routinen nun damit abfinden, dass die Welt ist, wie sie ist? Oder gibt es vielleicht doch Wege, eine andere, bessere Zukunft zu erschaffen,

  • in der die Welt nicht mehr durch Grenzen gespalten ist,
  • in der wir nicht mehr lernen, wenn wir jung sind, arbeiten wenn wir erwachsen sind und mit dem Leben beginnen, wenn der Körper sich erholen will,
  • in der wir einfach haben, was wir brauchen und uns gemeinsam um Innovationen kümmern, statt uns in sinnlose Rennen begeben, nur weil wir der Welt zeigen wollen, dass wir oder unser Unternehmen besser ist als „die Anderen“.

Ich glaube, die Veränderung ist möglich. Alles was wir für den Wandel brauchen ist eine Vision der Zukunft, das Verständnis, warum unsere Welt ist wie sie ist und das Wissen, wie Menschen in der Vergangenheit es geschafft haben, die Welt zu verändern. Und genau diese drei Dinge schenkt uns das Buch

Mariana Mazzucato: Wie kommt der Wert in die Welt. Vom Schöpfen und Abschöpfen.

Warum ist unserer Welt so wie sie ist?

Nun, unsere Welt besteht aus lauter Dingen, die irgendwann erfunden wurden und im Moment ihrer Erfindung so großen Nutzen gebracht haben, dass viele Menschen beschlossen, diese Dinge zu nutzen.

Ich bin fast so leicht zu bedienen wie Deine Schreibmaschine.

Ein schönes Bespiel für eines dieser Dinge ist die QWERT Tastatur. Als die Menschen noch auf der Schreibmaschine tippten, war die QWERT-Tastatur eine großartige Erfindung, weil sie verhinderte, dass sich die Buchstaben der Schreibmaschine während des Tippens verhedderten. Als der Computer die Schreibmaschine verdrängte, übernahm er die Tastaturbelegung der Schreibmaschine, obwohl es auf dem Computer keine Buchstaben gibt, die sich beim schnellen Tippen behindern.

Im Falle der QWERT-Tastatur zementieren

  • die Neuerungen durch Pfadabhängigkeit – d. h. wir setzen Gewohnheiten in der Praxis fort, selbst wenn Vorteil nicht mehr besteht –  und
  • der soziale Trägheitsmoment – es braucht einen sehr starken Impuls, der dafür sorgt, dass wir etwas ändern wollen –

den Startvorteil. Die Umstellung des Tastaturdesigns erfordert nicht nur vom User viel Geduld beim Erlernen einer neunen Tastaturbelegung, sondern ist auch technisch unglaublich aufwendig. Es würde ewig dauern, bis auch die letzte noch funktionierende QWERT-Tastatur verschwunden wäre und das würde bedeuten, dass Menschen lange Zeit zwischen beiden Tastaturen hin und her wechseln müssten.  Hinzu kommen die Kosten. Eine QWERT-Tastatur bekommen wir überall für ein paar Euro hinterhergeworfen. Eine Dvorak-Tastatur kostet nicht selten viermal so viel wie eine QWERT-Tastatur. Und was machst Du, wenn Dein Wunschlaptop nur mit QWERT zu haben ist?

Und so tippen wir halt QWERT, ohne uns groß den Kopf darüber zu zerbrechen, dass diese Tastaturbelegung unendlich viel wertvolle Lebenszeit kostet.

Wer hat es geschafft, das soziale Trägheitsmoment zu überwinden?

Ich schenke Dir Windows 10, damit Du wechselst, okay?

Bill Gates hat es bei Windows mit großem Aufwand geschafft, das soziale Trägheitsmoment zu überwinden.

Ich erinnere mich noch gut an meine tiefe Verbundenheit zu Windows XP. Ich bin mit diesem Betriebssystem groß worden, und es gab lange Zeit nichts auf der Welt, was mich von diesem Programm hätte trennen können. Heute schüttle ich fassungslos den Kopf über meine Liebe zu Windows XP. Diese Großmutter kann dem heutigen Windows 10 nicht das Wasser reichen.

Am Anfang habe ich über Windows 10 geflucht wie ein Rohrspatz. Damals waren Tablets gerade en Vogue. Die kleinen Zauberdinger leisteten fast alles, was mein Laptop konnte und hatten dabei den Vorteil, dass ich nicht ewig warten musste, bis sie Einsatzbereit waren. Mein Tablet konnte ich einfach in die Hand nehmen und loslegen. Mein Laptop dagegen war die reinste Folter. Wenn ich ihn alle paar Wochen mal in die Hand nahm, brauchte er nicht nur ewig, um zu starten, sondern wollte dann auch noch die Updates der letzten Wochen nachholen und trieb mich damit in den Wahnsinn.

Inzwischen hat mein Laptop das Tablet verdrängt, weil er schnell startet und ich ihn jeden Tag nutze. Außerdem habe ich ihm gesagt, dass er sich bitte nachts automatisch um Updates kümmern soll. Tatsächlich sind wir inzwischen beste Freunde, weil er mich ständig mit Geschenken überhäuft. Ohne dass ich es groß mitbekomme, wird Windows in kleinen Schritten immer besser. Ab und an entdecke ich ein neues Feature, teste es, erlebe wie es mein Leben verbessert und genieße die neue Freiheit.

Dank der vielen kleinen Updates wird mein Rechner immer intelligenter.

Um die Liebe zwischen mir und Windows 10 zu entfachen hat Bill Gates eine Menge Aufwand auf sich genommen. Selbst die Tatsache, dass er Windows XP nicht mehr Updaten wollte, konnte mich nicht so recht zum Wechsel motivieren. Dabei wusste ich um das massive Sicherheitsrisiko, das durch Nutzung alter Software entsteht. Erst als der Tag kam, an dem ich die Wahl hatte, ein altes teures Windows XP kaufen zu müssen, oder ein Windows 10 geschenkt zu bekommen, gelang mir der Umstieg.

Früher zwang mich Bill alle paar Jahre, das Betriebssystem zu wechseln. Heute schenkt er mir Features. Statt alle paar Jahre eine gigantische Änderung durch ein Update herbeizuführen und den User zu einer harten Anpassung seiner Gewohnheiten zu „zwingen“, setzt Bill inzwischen auf kleine Updates, die fast unbemerkt nebenbei laufen und daher kaum Gegenwehr bei den Nutzern hervorrufen.

Fazit

Ich glaube, dass es nicht einfach, ist die Welt zu verändern. Doch ich glaube, dass es möglich ist. Was Bill Gates kann, können wir schon lange. Und heute ist der beste Tag, um mit dem Wandel zu beginnen.

Die Welt erlebt seit über einem Jahr einen Impuls, der uns dabei unterstützen kann, den sozialen Trägheitsmoment zu überwinden. Alles, was wir brauchen, ist eine stake Vision der Welt, die wir erschaffen wollen. Sobald wir diese Vision haben, bedarf es nur noch vieler kleiner Schritte, um alles bisher Dagewesene zu verändern und die beste Welt zu erschaffen, die es je gab.