3,8 min readPublished On: 24. März 2022By Tags: , Categories: Bücher, Wissen

Weißt Du was Hyperthymesie ist?

Hast Du gestern Kirschen gegessen?

Weißt Du noch, was Du gestern Abend gegessen hast? Wie schaut es mit der Erinnerung an Dein Abendessen vor einem Jahr aus? Wenn es Dir so geht wie mir, weißt Du noch sehr genau, was Du gestern gegessen hast, aber Du hast keinen blassen Schimmer, was Du vor einem Jahr gegessen hast.

Bis heute dachte ich, dass es unmöglich ist, sich an solche banalen Dinge zu erinnern, die längere Zeit zurückliegen. Denn unser Gehirn kann so ein Datenvolumen einfach nicht speichern und löscht daher unnötige Erinnerungen, um Platz für sinnvollere Erinnerungen zu schaffen. Zu meiner Überraschung liege ich mit dieser Annahme falsch.

Claudia Hammond: Tick, tack. Wie unser Zeitgefühl im Kopf entsteht

berichtet in ihrem Buch von 20 Menschen auf der Welt, die, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, sagen können, was sie gegessen haben – und zwar für jeden einzelnen Tag ihres erwachsenen Lebens.

Diese Menschen haben Hyperthymesie bzw. ein Superior Autobiographical Memory (ein absolutes Autobiographisches Gedächtnis). Da ich zu den Menschen gehöre, die (gefühlt) mit einem unterdurchschnittlichen Gedächtnis gesegnet sind, interessiert mich dieses Phänomen ganz besonders.

Zu meiner großen Freude hat unsere Autorin mir folgende zwei Informationen gegeben, mit deren Hilfe wir im Internet hoffentlich noch mehr über das Phänomen erfahren werden:

  1. James McGaugh entdeckte die Hyperthymesie in diesem Jahrtausend.
  2. Bob Petrella ist einer der 20 Menschen, die Hyperthymesie haben.

Wie entdeckte James die Hyperthymesie?

Hilfe, ich erinnere mich an alles.

Laut unserer Autorin forschte James McGaugh im Jahr 2000 an der University of California über Gedächtnisprobleme. In diesem Jahr erhielt er einen Anruf von einer Frau, die im Gegensatz zu normalen Anrufern nicht über das Problem klagte, sich nicht erinnern zu können, sondern über das Problem, nicht vergessen zu können. Damit hatte sie James volle Aufmerksamkeit und James den ersten bewussten Kontakt mit einem Menschen, der Hyperthymesie hatte.

Laut Spektrum.de lautet der Name der Frau Jill Price, und der Anruf war der Beginn einer fünfjährigen Zusammenarbeit von Jill und James. Spannenderweise bedeutet Jills großartiges Gedächtnis aber nicht, dass sie immer weiß, wo ihre Schlüssel liegen. Die Fähigkeit der Erinnerung hat also auch bei ihr gewisse Grenzen.

Wie viele gibt es denn?

Unsere Autorin schreibt, dass weltweit 20 Menschen an diesem Phänomen leiden. Im Internet bin ich allerdings anderen Angaben begegnet. Leider konnte ich keine aktuell seriöse Quelle finden. Doch verschiedene Seiten behaupten, es gäbe 45, 50 oder sogar bis zu 100 Menschen mit Hyperthymesie. Ein Blick auf das Veröffentlichungsdatum unseres Buches erklärt möglicherweise die starke Abweichung. Klett Cotta veröffentlichte Claudias Buch 2019, doch die englische Originalversion stammt aus dem Jahr 2012.

Was ist mit Bob Petrella?

Bob war nach seinen eigenen Angaben der vierte Mensch, der die Diagnose Hyperthymesie erhielt. Während er als Schüler nie nachvollziehen konnte, warum sich die anderen Schüler mit dem Lernen so schwer taten, verstand er nach seiner Diagnose endlich die Probleme seiner Mitschüler.

Ähnlich wie Jill ging er mit diesem Wissen an die Öffentlichkeit und wird seitdem der Memory Man genannt. Meine Recherchen zu ihm brachten mir allerdings wenig neue Erkenntnisse, daher wird der Absatz über ihn auch nicht länger.

Fazit

Wieder was gelernt.

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, doch heute ist meine Welt wieder ein kleines Stück größer geworden und ich frage mich, welche verborgenen Talente noch in Menschen schlummern könnten, von denen sie gar nichts wissen.

Manchmal wünsche ich mir ein besseres Gedächtnis. Dank der heutigen Recherche habe ich mit meinem porösen Gedächtnis ein Stück mehr Freundschaft geschlossen. Nicht nur verdanke ich ihm die Motivation, diesen Blog zu machen, sondern auch den Drang, für alle möglichen Dinge Leitfäden und Workflows zu erstellen. Weil ich weiß, dass ich mir Dinge nicht merken kann, habe ich ein System erschaffen, mit dem ich Dinge wiederfinden kann, das inzwischen auch gern von Menschen genutzt wird, die in der Fähigkeit der Erinnerung besser sind als ich.

Was mir bis jetzt nicht bewusst war, ist, dass Vergessen auch ein Segen sein kann. Da ich viel vergesse, erinnere ich mich auch weniger an Ereignisse, die weniger waren. Und diese Erkenntnis erfreut mich.