Weißt Du, was Prävalenzanstiege sind?

Ich liebe es, Bücher über Themen zu lesen, die mir völlig neu sind, weil ich dank diesen eine Menge lerne. Für diese meist gigantische Lernkurve nehme ich in Kauf, dass ich beim Lesen ständig über mir unbekannte Begriffe stolpere.

Ein Detektiv, der nach links schaut und eine Pfeife raucht.
In diesen Büchern gibt es viele Gründe um nachzuforschen.

Eines dieser großartigen Bücher ist

Sigi Lieb: Alle(s) Gender. Wie kommt das Geschlecht in den Kopf.

Dank dieses Buches verstehe ich zum Beispiel endlich, was es mit dem Begriff Divers auf sich hat. Einer der vielen unbekannten Begriffe, die mir in diesem Buch begegnet sind, ist der Begriff Prävalenzanzeige. Dieser taucht auf der ersten Seite des Vorwortes auf, auf der Sigi die Frage stellt, warum wir im Jahr 2023 Menschen noch immer in Stereotype Vorstellungen wie Mann und Frau drängen, statt einfach jeden Menschen so sein zu lassen, wie er ist.

Im Anschluss an ihre Frage nennt Sigi ihren Lesern eine Menge Daten, die aufzeigen, warum Sigi diese Frage stellt. Zu diesen Daten gehört auch der folgende Satz von Martina Lenzen-Schulte aus dem Deutschen Ärzteblatt vom Dezember 2022:

„Konsistent liegen in vielen europäischen und angloamerikanischen Ländern seit etwa dem Jahr 2000 die Prävalenzanstiege bei mehr als 1000%.“

S. 7.

Zwei Dinge machen den Satz für mich unverständlich:

  1. Meine Unwissenheit in Bezug auf den Begriff Prävalenzanstiege
  2. Der Umstand, dass der relativen Zahl keine absolute Zahl zugeordnet ist, was bedeutet, dass wir nicht wissen, wofür die 1000% stehen. Die 1000% könnten alles bedeuten, sowohl dass die Zahlen von 5 auf 50 als auch von 756 auf 7.560 oder irgendeinen anderen x-beliebigen Wert gestiegen sind.
Grafisch dargestellt schaut die Aussage beeindruckend aus.

Wir werden nun mit Hilfe unseres Lexikons versuchen, die erste Frage zu beantworten. Die absolute Zahl muss ich schuldig bleiben, da ich das Zitat im Internet nicht gefunden habe und so nicht schauen konnte, ob Martina in ihrem Text auch die absolute Zahl nennt.

Was das Lexikon sagt

Obwohl unser Lexikon im Jahr 2005 erschienen ist, kennt es weder den Begriff Prävalenzanstiege noch den Begriff Prävalenz.

Was das Internet sagt

Auch das hält keinen passenden Eintrag mit einer Definition für den Begriff Prävalenzanstieg bereit. Dafür kennt es den Begriff Prävalenz. So finden sich auf der Webseite Duden.de folgende zwei Definitionen:

  1. „Überlegenheit; das Vorherrschen“
  2. „Rate der zu einem bestimmten Zeitpunkt oder in einem bestimmten Zeitabschnitt an einer bestimmten Krankheit Erkrankten (im Vergleich zur Zahl der Untersuchten)“
Da passt was nicht. Das ist keine Krankheit.

Was mich an der Duden-Definition stört, ist, dass sie sich auf Krankheiten bezieht, Sigi in ihrer Einleitung aber nicht eine Krankheit, sondern geschlechtliche Stereotype und Transgender-Diagnosen thematisiert. Daher habe ich nach einer passenderen Definition des Begriffes gesucht und diese auf der Webseite des Robert Koch Institutes gefunden:

„(engl. prevalence) , beschreibt Mengen von (i.a.) Personen in einem definierten Zustand. z.B. des Krankseins/Betroffenseins. Sie ist neben der Inzidenz ein Hauptaspekt der Beschreibung und Analyse der Verbreitung von Krankheiten/Gesundheitsproblemen.“

Die Prävalenz beschreibt also Menschen in einem definierten Zustand. Das bedeutet, ein Prävalenzanstieg liegt vor, wenn die Menge an Menschen in einem bestimmten Zustand steigt.

Dank dieser Definition wissen wir nun, dass es noch ein drittes Problem mit unserem Zitat gibt:

  1. In dem Zitat fehlt die Information, welcher Zustand angestiegen ist.

Aus dem Kontext des Vorwortes lässt sich vermuten, dass sich der Satz auf Transgender-Diagnosen von Jugendlichen bezieht. Ein Sprung in das Literaturverzeichnis von Sigis Buch bestätigt die Vermutung, denn hier erfahren wir, wie Martinas Artikel heißt

„Lenzen-Schulte, Martina: Transition bei Genderdysphorie: Wenn die Pupertas gestoppt wird, Deutsches Ärzteblatt 119(48)/2022“

Zu meiner großen Freude findet sich im Literaturverzeichnis auch ein Link zu dem Artikel, so dass wir nun in diesem nach der absoluten Zahl suchen können, die uns fehlt, um die 1000% bewerten zu können.

Die Originalgrafik ist nicht ganz eindeutig.

Mit Hilfe der Suchfunktion habe ich die von Sigi zitierte Stelle gefunden. An dieser taucht keine absolute Zahl auf. Martina weist auf eine Grafik hin, die einen Zeitraum von 2009 bis 2016 abdeckt. Allerdings lassen sich deren genaue Zahlen nicht ablesen, weil die Skala zu groß ist. Grob geschätzt liegen die Zahlen auf der Grafik 2009 bei 80 Personen. Eine Steigerung um 1000% bis 2016 wären demnach 800 Personen. Auf der Grafik befindet sich der Wert 2016 irgendwo zwischen 1600 und 1800. Damit stimmt die Aussage mehr als 1000%, auch wenn die Zahl irgendwo bei 2000% zu liegen scheint. Was uns zudem in der Grafik fehlt, ist die Menge der gesamten Gruppe an Jugendlichen. Wir erfahren, dass 2016 1600 bis 1800 Kinder und Jugendliche eine Transgender-Diagnose erhielten. Wir erfahren aber nicht, wie viele Jugendliche diese in diesem Zeitraum nicht erhielten.

Fazit

Nach unserer Recherche wissen wir nun, was eine Prävalenz bzw. Prävalenzanzeige ist. Zudem wissen wir nun, dass es 2016 deutlich mehr Transgender-Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen gab als 2009.

Nach der heutigen Recherche erhärtet sich in mir der Wunsch, dass mehr Menschen sich mit Autoren wie Gerd Gigerenzer und Stefan Fichtel befassen, bevor sie Daten in Form von Zahlen und Grafiken veröffentlichen, damit der Leser alle Daten enthalten, die er braucht, um wirklich etwas mit den Daten anfangen zu können.

16. April 2024
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