4.5 min readPublished On: 4. Juni 2021By Categories: Bücher, Wissen

Wie können Professoren für glückliche Studenten sorgen?

Ich hab voll die gute Klausur geschrieben.

Stell Dir vor Du schreibst eine Klausur. Über welches Ergebnis freust Du Dich mehr

  1. 70 % der zu erreichenden Punkte oder
  2. 72 % der zu erreichenden Punkte?

Du hast mit 2 geantwortet, oder? Stell Dir vor Du schreibst noch eine Klausur. Über welches Ergebnis freust Du Dich mehr

  1. 72 Punkte oder
  2. 95,6 Punkte?

Deine Antwort lautet wieder 2, oder? Okay, letzte Frage. Du schreibst wieder eine Klausur über welches Ergebnis freust Du Dich mehr

  1. 72 von 100 möglichen Punkten
  2. 95, 6 von 137 möglichen Punkten

Wenn es Dir so geht wie den Studenten von Richard Thaler, von denen er in seinem Buch

Richard Thaler: Misbehaving. Was uns die Verhaltensökonomik über unsere Entscheidungen verrät

berichtet, hast Du auch in diesem Fall wieder die Antwort 2 gewählt. Doch die Sache ist dieses Mal komplizierter: Das zweite Ergebnis hat zwar eine höhere Punktzahl, diese entspricht aber einem geringeren Prozentwert:

  • 72 Punkte von 100 möglichen Punkten entsprechen einem Ergebnis von 72 %.
  • 95,6 von 137 möglichen Punkten entsprechen einem Ergebnis von 70 %.

Was ist hier los?

Hallo, ich bin Dein ungezogenes Zahlengefühl.

Wenn wir einen Ökonomen befragen, würde er sagen, dass jeder vernünftige Mensch ein Ergebnis von 72% besser findet als ein Ergebnis von 70 %. Doch wie Richard im Rahmen seiner Forschung mit Hilfe zahlreicher Experimente herausgefunden hat, sind die meisten Menschen nicht immer vernünftig, sondern häufig ungezogen, wenn es um Zahlen geht. Schauen wir uns an dieser Stelle die Geschichte mit der Klausur etwas genauer an und stellen uns die Frage, warum Richard die Gesamtpunktzahl erhöhte.

Warum veränderte Richard die Gesamtpunktzahl in seinen Klausuren?

Lange Zeit, bevor Richard den Nobelpreis für Wirtschaft erhielt, war er ein junger Professor, der seinen Job sehr ernst nahm. Vom Drang, alles perfekt zu machen getrieben, nutzte der junge Professor Richard seine Klausuren, um herauszufinden, wer

  • die Stars,
  • der Durchschnitt und
  • die Nieten

sind.

Wer sind die Stars?

Um diese Einteilung machen zu können erstellte Richard eine Klausur mit Fragen, die nur die Stars beantworten konnten. Aufgrund dieser Fragen war die Klausur selbst für die Stars eine schwere Klausur, bei der nur die Besten der Besten eine hohe Punktzahl erreichen konnten.

In der ersten Klausur mit einer Gesamtpunktzahl von 100 erreichten Richards Studenten im Durchschnitt 72 Punkte, also 72 %. Die Universität, an der Richard unterrichtete, hatte festgelegt, dass alle Studenten, die den Durchschnitt erreichten, mit B oder einem B+ zu benoten seien. So führte die geringe Punktzahl also zu einer guten Note. In Richards Wahrnehmung hätten die Studenten, die ein B erhielten, also zufrieden sein müssen.

Doch Richard Studenten waren alles andere als zufrieden. Sie klagten so sehr über ihre geringen Punktzahlen, dass der junge Professor Richard sich Sorgen um seine Anstellung machte. Doch obwohl er sich um seinen Job sorgen machte, wollte er seine Ansprüche an die Klausur nicht ins Bodenlose absenken, nur damit seine Studenten zufrieden waren.

Irgendwie hatte Richard dann die rettende Idee. Wenn seine Studenten darüber klagten, dass ihre Punkte so weit unter 100 lagen, konnte er doch einfach die Gesamtpunktzahl erhöhen und so dafür sorgen, dass die Studenten die Punkte bekamen, die sie wollten. Richard erhöhte also bei seiner nächsten Klausur die Gesamtpunktzahl auf 137. Da die Klausur schwerer war als die erste, schnitten die Studenten prozentual im Durchschnitt etwas schlechter ab als bei der ersten Klausur, doch das störte sie nicht, da einige von Ihnen sogar mehr als 100 Punkte in der Klausur erhielten.

Zurück zur Frage „Was ist hier los?“

Bitte verschwende keine Energie, die ist wertvoll.

Das Bemerkenswerte an Richards kleinem Trick ist, dass er mit der Erhöhung der Punktzahl nicht etwa Geschichts-, Kunst- oder Biostudenten hinters Licht führte, sondern Studenten, die Wirtschaft studierten. Doch die Sache mit uns Menschen ist nun einmal die: Wir sind genial darin, Energie zu sparen. Wir bemerken sofort, dass 72 von 100 möglichen Punkten einem Prozentwert von 72 % entsprechen. Doch um herauszufinden, dass 95,9 von 137 Punkte einem Prozentwert von 70 entsprechen, müssen wir aktiv rechnen. Aktives Rechnen kostet Energie, und daher vermeiden wir es, wenn es nicht nötig ist.

Die 72 Punkte fühlen sich so schlecht an, weil sie weit weg von 100 sind. Dieses schlechte Gefühl wird auch durch die Note B nicht neutralisiert. (Erinnerst Du Dich, wir Menschen brauchen mehr als eine gute Nachricht, um eine schlechte Nachricht zu neutralisieren.) Die 95,9 Punkte verursachen nur bei aktivem Nachrechnen ein schlechtes Gefühl. Da das kaum einer tut, weil hier die Note B das durch die fast 100 Punkte verursachte gute Gefühl bestätigt, entsteht auch kein Unmut.

Fazit

Mit einem kleinen Trick ist es Richard gelungen, sich und seine Studenten glücklich zu machen. Durch die Erhöhung der Gesamtpunktzahl konnte er seinen hohen Anspruch beibehalten und gleichzeitig seine Studenten glücklich machen.

Wie Richards Beispiel zeigt, können kluge kleine unscheinbare Veränderungen an Systemen eine gigantische Auswirkung haben. Indem wir solche Stellschrauben finden und drehen, können wir Menschen glücklicher und somit die Welt besser machen.

Richard hat seinen Studenten das Geschenk gemacht, zu Hause von ihren unglaublichen Punktzahlen schwärmen zu können. Die Frage lautet nun, wem können Du und ich durch eine kleine Veränderung ein ähnlich großes Geschenk machen?